Gedenken an die Bücherverbrennung

 
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Schülerinnen und Schüler der Tellkampfschule gestalten das kultur-historische Rahmenprogramm. Bezirksbürgermeister Lothar Pollähne zieht Parallelen zur Lage der Pressefreiheit.

Das Gedenken an die Bücherverbrennung in Hannover am 10. Mai 1933 ist seit einigen Jahren fester Bestandteil im Kalender der Erinnerungskultur.

 

Und seit Jahren sorgen Schülerinnen und Schüler der Tellkampfschule mit ihren Lehrkräften dafür, dass dieses Gedenken unweit des ehemaligen Brennplatzes nahe der Geibelbastion am Maschsee nicht zum Ritual wird. Die Tellkampfschule hat die kultur-historische Patenschaft für diese Veranstaltung übernommen und gestaltet das Erinnerungsprogramm, in diesem Jahr mit Liedern von Hannes Wader und einer Zitat-Collage „verbrannter“  Dichter, die von Heinrich Mann bis zu Carl Zuckmeyer reichte. Zum Schluss ihrer Darbietung schmückten die Schülerinnen und Schüler die Gedenkplakette am Maschseeufer mit einem Arrangement von weißen Rosen. Bezirksbürgermeister Lothar Pollähne freute sich über die rege Teilnahme an der Gedenkfeier, bedankte sich bei den Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrkräften und grüßte insbesondere Bürgermeister Thomas Hermann, sowie Salomon Finkelstein und Henry Korman, die es sich trotz ihres hohen Alters nicht hatten nehmen lassen, an der Feierstunde teilzunehmen. In seinem Grußwort, das nachfolgend dokumentiert wird, spannte Lothar Pollähne einen Bogen von Bücherverbrennung des Jahres 1933 zur internationalen Lage der Pressefreiheit im Jahr 2017 und zeigte Parallelen auf.

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Grußwort von Bezirksbürgermeister Lothar Pollähne am 10. Mai 2017 anlässlich des Jahrestages der Bücherverbrennung

Lothar PollähneFoto: Lothar Pollähne

„Als am 10. Mai 1933 die akademischen braunen Brandbeschleuniger Hand anlegten, gab es in Deutschland zwar dem Namen nach noch „unabhängige“ Zeitungen, aber diese waren — teils aus Angst, teils in vorauseilendem vaterländischem Gehorsam — innerlich gleichgeschaltet. Die Parole dazu hatte „Reichslautsprecher“ Joseph Goebbels am 18. März 1933 herausgegeben, als er sagte, die Presse sei „in der Hand der Regierung sozusagen ein Klavier, auf dem die Regierung spielen kann.“ Keine deutsche Zeitung wandte sich am Tag nach der Bücherverbrennung gegen diesen kulturbarbarischen Akt, von dem sie doch annehmen konnten, dass die Auswirkungen bald auch sie treffen würden.

Ein besonders trauriges Beispiel für diese Nicht-Haltung, die eben doch eine Haltung war, ist die vormals linksliberale Vossische Zeitung aus dem Ullstein-Verlag, ein Blatt mit einer langen freiheitlichen Tradition. Für die „Voss“, wie sie liebevoll genannt wurde, arbeiteten Gotthold Ephraim Lessing als Rezensent, Theodor Fontane als Theaterkritiker, der Begründer der modernen Gerichtsreportage, Sling, und Kurt Tucholsky als Pariser Korrespondent.

Am 11. Mai 1933 war dies offenbar verdrängt worden, denn die Vossische Zeitung berichtete in ihrer Morgen-Ausgabe: „Die Aktion des studentischen Kampfausschusses ‚Wider den undeutschen Geist‘ fand gestern um Mitternacht mit der öffentlichen Verbrennung von tausenden von Büchern auf dem Opernplatz ihren vorläufigen Abschluss. Nach Reden von Reichsminister Dr. Goebbels und des Führers des Kreises Brandenburg der Deutschen Studentenschaft, Gutjahr, wurde ein Teil der beschlagnahmten Bücher auf dem Opernplatz zu einem Scheiterhaufen aufgestapelt und dem Feuer übergeben.“ Die berüchtigten Feuersprüche zitierte die Vossische Zeitung nicht.

Das wäre auch peinlich geworden, denn der Feuerspruch 7 lautete: „Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkrieges, für Erziehung des Volkes im Geist der Wahrhaftigkeit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque“ und im Feuerspruch 9 heißt es: „Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften der Tucholsky und Ossietzky!“

Von Kurt Tucholsky war bereits kurz die Rede, von Erich Maria Remarque noch nicht. Dessen weltbewegender Anti-Kriegsroman „Im Westen nichts Neues“ war in Fortsetzungen ab 1928 als Vorabdruck in der Vossischen Zeitung erschienen. Verantwortlich dafür war der Feuilleton-Chef Richard Lewinsohn, der unter seinem Pseudonym „Morus“ als ständiger Mitarbeiter von Carl von Ossietzkys „Weltbühne“ aktiv war. Lewinsohn war ab 1930 Nachfolger Kurt Tucholskys als Korrespondent der Vossischen Zeitung in Paris, und emigrierte von dort aus nach Brasilien. Sein Nachfolger als Feuilletonchef, der Engländer Montague „Monty“ Jacobs, wurde nach der Machtübertragung an die Nazis von seinem Posten entfernt. Mit Mühe konnte der Sohn einer jüdischen Mutter 1938 nach Großbritannien ausreisen. Beider Chef war über viele Jahre lang Georg Bernhard, der von 1918 bis 1930 an der Spitze der Redaktion der Vossischen Zeitung stand. Bernhard floh unmittelbar nach der Machtübertragung über Frankreich in die Vereinigten Staaten.

Kurt Tucholsky war bereits — seelenwund ob der Entwicklungen in Deutschland — nach Schweden ausgewandert, wo er am 21. Dezember 1935 in einem Krankenhaus in Göteborg an den Folgen einer Medikamentenüberdosierung starb. Erich Maria Remarque schließlich, der bereits einen Wohnsitz in der Schweiz hatte, emigrierte am 31. Januar 1933 dorthin und später dann in die Vereinigten Staaten.

Der Ullstein Verlag stellte am 31. März 1934 das Erscheinen der Vossischen Zeitung ein, nachdem eine Woche zuvor auf der Titelseite kurz mitgeteilt worden war: „Die Aufgabe eines Blattes vom Stil der Vossischen Zeitung ist nach unserer Ansicht beendet. So haben wir denn aus freien Stücken den schmerzlichen, aber folgerichtigen Entschluss gefasst, die Vossische Zeitung aufzugeben.“ Die Nazi-Zensoren hatten ganze Arbeit geleistet.

Für fast alle Emigranten waren die Vereinigten Staaten „The Land of the Free“, denn sie garantierten im ersten Zusatzartikel zu ihrer Verfassung: „Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die Einführung einer Staatsreligion zum Gegenstand hat, die freie Religionsausübung verbietet, die Rede- oder Pressefreiheit oder das Recht des Volkes einschränkt, sich friedlich zu versammeln und die Regierung durch Petition um Abstellung von Missständen zu ersuchen.“ Dieser Grundrechtsartikel besteht trotz der großen und kleinen Trumps immer noch. Dennoch gerät die Pressefreiheit in den Vereinigten Staaten zunehmend unter Druck. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ stuft die U.S.A. in ihrer aktuellen Rangliste zur Pressefreiheit weltweit nur noch auf Platz 43 ein.

Dazu möchte ich aus gegebenem Anlass aus einem Brief zitieren, den ich vor einer Woche, am Tag der Pressefreiheit, über „Amnesty International“ von Jenni Monet erhalten habe: „Ich wurde am 1. Februar 2017 verhaftet, weil ich als Reporterin über die Proteste in Standing Rock, North Dakota, berichten wollte. Meine Verhaftung kam völlig überraschend, weil ich meinen Presseausweis bei mir hatte und erklärte, dass ich Journalistin sei. Dennoch wurde ich in Handschellen abgeführt, in einen Schulbus verfrachtet, leibesvisitiert und stundenlang in einen Käfig gesperrt. Jetzt droht mir eine Anklage wegen Landfriedensbruchs und Aufruhr.“

Jenni Monet ist Mitglied des indigenen Volkes der Lagoda aus New Mexico und engagiert sich seit Jahren als Journalistin für die Rechte der indigenen Völker. So auch im Februar dieses Jahres in Standing Rock, wo die ortsansässige indigene Bevölkerung monatelang mit einem Protest-Camp gegen den Bau der „Dakota Access Oil-Pipeline“ gekämpft hatte. Ex-US-Präsident Obama hatte den Weiterbau der Pipeline unterbunden, sein Nachfolger Trump hat den Baustop mit Hilfe von gefälligen Gerichten am 7. Februar 2017 aufgehoben. Über diese Vorgänge wollte Jenni Monet berichten.

Über Amnesty International bittet Jenni Monet nun in ihrem Fall und in Solidarität mit tausenden von Journalistinnen und Journalisten weltweit um Unterstützung für die Bewahrung der Pressefreiheit und schreibt: „Journalisten und die Presse befinden sich im Kampf für Rede- und Pressefreiheit in vorderster Linie: ob in der Türkei oder in North Dakota“, und sie fügt hinzu: „Wenn ein Journalist bedroht ist, sind es alle.“

Dem ist nichts hinzuzufügen,  außer der Feststellung von „Reporter ohne Grenzen“: „Besonders erschreckend ist, dass auch Demokratien immer stärker unabhängige Medien und Journalisten einschränken, anstatt die Pressefreiheit als Grundwert hochzuhalten.“