Geibelstraße und Geibelplatz

Die viertlängste Straße der Südstadt beginnt am Geibelplatz im Osten, quert die Sallstraße, passiert den Stephansplatz, kreuzt die Hildesheimerstraße und endet am Rudolf-von-Bennigsen-Ufer. Benannt ist die Straße seit 1887 nach dem nationalkonservativen Dichter Emanuel Geibel. Der Geibelplatz wurde 1919 im Rahmen der neuen Südstadtbebauung benannt. An der Geibelstraße liegt seit 25 Jahren der Naturkostladen Südstadt. Schräg gegenüber in der Geibelstraße 18 betreibt elea ein Olivenöl- und Weinhandelsgeschäft. Die Geibelstraße 35 beherbergt mit dem Stephanseck eine der ältesten Schankwirtschaften der Südstadt. Die Fußballkneipe ist auch nach der Umgestaltung Anlaufpunkt für wandernde Handwerksgesellen. Ein paar Meter weiter in der Geibelstraße 39/41 befindet sich in den Räumen des alten Esplanade-Kinos eine Weinhandlung gleichen Namens. Jenseits der Hildesheimerstraße lädt in der Geibelstraße 77 seit gut einem Jahr das Restaurant Zauberlehrling mit regionaler und saisonaler Küche zum Mahle. In der Geibelstraße 90 befindet sich das Alten- und Pflegeheim des Margot-Engelke-Zentrums. An der Ecke zum Rudolf-von-Bennigsen-Ufer ist in er Geibelstraße 104 das Winnicott-Institut beheimatet, seit über 60 Jahre in Hannover die führende Adresse für die psychosoziale Betreuung vom Kindern und Jugendlichen.

Emanuel Geibel

Emanuel Geibel

Zwei Gedichtzeilen sorgen für Emanuel Geibels Nachruhm. Das „Wanderlied“ von 1841, bekannt auch als „Burschenlied“ beginnt mit den Worten „Der Mai ist gekommen“. In der Vertonung durch Justus Wilhelm Lyra gehört es seit 1842 zum klassischen deutschen Liedgut“. Für den furchterregenden Ruhm der zweiten Zeile haben die Nazis gesorgt: „Am deutschen Wesen mag die Welt genesen“ stammt aus Geibels Gedicht „Deutschlands Beruf“ von 1861. Franz Emanuel August Geibel wird am 17. Oktober 1815 in Lübeck als siebentes von acht Kindern des Pastorenpaares Johannes und Elisabeth Geibel geboren. Dort besucht er das ehrwürdige Katharineum. Nach dem Abitur geht Emanuel Geibel 1835 nach Bonn, wo er ein Theologiestudium beginnt. Er wird Mitglied des vom frühromantischen Poeten Karl Marx gegründeten „Jungen deutschen literarischen Kränzchen“. Ostern 1836 zieht es den jungen Poeten Geibel nach Berlin, wo er die Bekanntschaft von Adalbert Chamisso, Joseph von Eichendorff, Willibald Alexis und Bettina von Arnim macht.

1838 vermittelt ihm sein alter Schulfreund, der nachmalige Archäologe Emil Curtius ein Stelle als Hauslehrer beim russischen Gesandten in Athen. Nach seiner Rückkehr beginnt Emanuel Geibel Gedichte im klassischen Stile zu veröffentlichen. Da er sich patriotisch und preußenfreundlich gibt, lobt ihm Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. eine lebenslange Pension von 300 Talern aus, die es Geibel ermöglicht, die verhasste Hauslehrertätigkeit aufzugeben. Geibels Renommee geht weit über die Grenzen Preußens hinaus. Bayerns König Maximilian II. holt ihn als Ehrenprofessor für deutsche Literatur und Poetik nach München, wo Geibel bis zum Tode des Monarchen unterrichtet. Danach erlischt sein Lehramt und die damit verbundene lebenslange Pension und Emanuel Geibel kehrt in seine Geburtsstadt Lübeck zurück.

Mit seinen formvollendeten, patriotisch gestimmten Gedichten gehört Emanuel Geibel zu den populärsten deutschsprachigen Lyrikern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Theodor Fontane bezeichnet diese Art von Dichtkunst als „Geibelei“, die sich - obwohl formal gelungen - mit beliebigen Inhalten füllen lässt. Böser noch behandelt ihn Wilhelm Busch in seiner Bildergeschichte „Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter“. Emanuel Geibel, der sich auch - wenig erfolgreich - als Dramatiker versucht, macht sich einen Namen als Übersetzer und Nachdichter französischer, spanischer, griechischer und lateinischer Lyrik. Vereinsamt stirbt Emanuel Geibel am 6. April 1884 in Lübeck, wo er auf dem Burgtorfriedhof beerdigt wird.

Wie sehr Emanuel Geibel die klassische Form beherrschte, zeigt sein Sonett Liebesglück.

 

 

Liebesglück.

O wie so leicht in seligen Genüssen
Sich mir die Stunden jetzt dahinbewegen!
Ins Auge schau' ich dir, bist du zugegen,
Und von dir träum' ich, wenn wir scheiden müssen.

Oft zügeln wir die Sehnsucht mit Entschlüssen,
Doch will sich stets ein neu Verlangen regen,
Und wenn wir kaum verständ'ger Rede pflegen,
Zerschmilzt sie wieder uns und wird zu Küssen.

Der erste weckt Begier nach tausend neuen,
Es folgt auf Liebeszeichen Liebeszeichen,
Und jedes scheint uns höher zu erfreuen.

Nun erst begreif' ich ganz den Lenz, den reichen,
Wenn er nicht endet, Rosen auszustreuen,
Die alle schön sind und sich alle gleichen.

Emanuel Geibel

Foto: Emanuel Geibel um 1860. Der Urheber ist nicht bekannt.

 

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