Grimmstraße

Reichlich versteckt führt die verträumte Grimmstraße, zwischen Freiligrathstraße und Hildesheimerstraße gelegen, von der Geibelstraße zur Bandelstraße. Benannt ist sie seit 1899 nach den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm.

Jacob und Wilhelm Grimm

Jacob und Wilhelm Grimm
 

Die kleine Straße in der Südstadt wird der Bedeutung der Namensgeber ganz und gar nicht gerecht, denn buchstäblich jedes Kind kennt Grimms Märchen. Dabei ist die Märchensammlung nicht die bedeutendste Leistung der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Geboren werden beide, Jacob am 4. Januar 1785 und Wilhelm am 24. Februar 1786, in Hanau als Söhne der bildungsbewussten Eltern Dorothea und Philipp Wilhelm Grimm. Da der Vater als Amtmann nach Steinau an der Straße versetzt wird, wo Jacob und Wilhelm ihre Kindheit verbringen, schickt Mutter Dorothea ihre wissbegierigen Söhne zur Tante nach Kassel. Dort besuchen die Brüder das Friedrichsgymnasium. Beide immatrikulieren sich nach dem Abitur an der Philipps-Universität in Marburg, wo sie Rechtswissenschaften studieren.

Dort machen sie die Bekanntschaft des nur wenige Jahre älteren Friedrich Carl von Savigny, der den Brüdern neben Einsichten in die Juristerei vor allem Zugang zur klassischen deutschen Dichtung verschafft. In Savignys Bibliothek stehen die Werke Goethes, Schillers und Herders, und Jacob und Wilhelm können aus dem Vollen schöpfen. Dass sich die Brüder nicht in romantischen Schwärmereien verlieren, auch wenn sie mit Achim von Arnim und Clemens Brentano befreundet sind, ist ein Glücksfall für die deutsche Sprache und Sprachgeschichte. So sind auch die Märchen, die die Brüder Grimm auf Anregung Arnims und Brentanos sammeln, alles andere als romantisch verklärt. In ihrem Ursprung sind die Märchen krass und brutal. Jacob und Wilhelm Grimm sorgen mit ihrer sprachlichen Bearbeitung der mündlich überlieferten Texte für die bis heute anhaltende „Massentauglichkeit“. Der erste Band der „Kinder- und Hausmärchen“ erscheint zu Weihnachten 1812, der zweite 1815, und 1822 werden Anmerkungen zu beiden Büchern als dritter Band der Hausmärchen veröffentlicht. 1825 erscheint die erste „Volksausgabe“ der Märchen, die als Grimmsches Gesamtkunstwerk gelten können, da sie von Jacob und Wilhelms Bruder Ludwig Theodor illustriert wird.

Jahrelang leben die Brüder Grimm, die von Jacobs Gehalt als Bibliothekar, dem ererbten Familienvermögen und Zuwendungen vermögender Gönner ihren Unterhalt ihren Unterhalt bestreiten, mit ihrer Schwester Lotte zusammen, die ihnen bis zu ihrer Heirat den Haushalt in Kassel führt. Danach führen Jacob und Wilhelm Grimm über viele Jahre einen gemeinsamen Junggesellenhaushalt. 1819 verleiht ihnen die Universität Marburg wegen ihres beträchtlichen wissenschaftlichen Werkes die Ehrendoktorwürde. Im selben Jahr veröffentlicht Jacob Grimm den ersten Band der „deutschen Grammatik“, die mit mehreren Folgebänden zum Standardwerk der wissenschaftlichen Sprachforschung wird. Die in der „Deutschen Grammatik“ dargestellten sprachlichen Gesetzmäßigkeiten gelten international bis heute als „Grimms law“.

Auch nach der Heirat Wilhelms im Mai 1825 betreiben die Brüder einen gemeinsamen Haushalt, den sie nach dem Wegzug aus Kassel auch in Göttingen fortführen. Jacob wird dort 1830 zum ordentlichen Professor ernannt. Wilhelm arbeitet zunächst als Bibliothekar und wird 1835 ebenfalls ordentlicher Professor. Die Arbeit der Brüder Grimm wird am 12. Dezember 1837 jäh unterbrochen. Mit fünf anderen Gelehrten hatten sie am 18. November mit einer Streitschrift gegen die Aufhebung der liberalen Landesverfassung durch den Hannoverschen König Ernst August I. protestiert. Als „Göttinger Sieben“ sind die Gelehrten zum Grundpfeiler eines demokratischen Deutschland geworden. In seiner Schrift „Über meine Entlassung“ schreibt der des Landes verwiesene Jacob Grimm ein Jahr später:

„Die Geschichte zeigt uns edle und freie Männer, welche es wagten, vor dem Angesicht der Könige die volle Wahrheit zu sagen; das Befugtsein gehört denen, die den Mut dazu haben. Oft hat ihr Bekenntnis gefruchtet, zuweilen hat es sie verderbt, nicht ihren Namen. Auch die Poesie, der Geschichte Widerschein, unterläßt es nicht, Handlungen der Fürsten nach der Gerechtigkeit zu wägen. Solche Beispiele lösen dem Untertanen seine Zunge, da wo die Not drängt, und trösten über jeden Ausgang.“

Nach der Ausweisung Jacobs gehen die Brüder Grimm zurück nach Kassel, wo sie von den Spendengeldern eines Bürgerkomitees leben, deren Zentrum in Leipzig ist. Von dort erhalten sie jenen Auftrag, der ihren wissenschaftlichen Nachruhm sichern wird. Die Verleger Karl Reimer und Salomon Hirzel unterbreiten den Brüdern den Vorschlag, das „Deutsche Wörterbuch“ zu verfassen, den „Grimm“. Sie konzipieren das Kompendium als Wörtergeschichte, die von Luther bis zu Goethe reicht. Gemeinsam kommen sie bis zum Buchstaben D. Nach dem Tode Wilhelm Grimms im Jahr 1859 arbeitet sich Jacob Grimm bis zum Buchstaben F vor. Er stirbt 1863. Das Mammutunternehmen „Deutsches Wörterbuch“ wird erst 1961 mit dem 32. Band abgeschlossen und 1971 um einen Quellenband ergänzt.

So wie sie im Leben einander zugetan waren, bleiben Jacob und Wilhelm Grimm auch nach dem Tode vereint. Ihr gemeinsames Grab liegt auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg.

Abbildung: Jacob und Wilhelm Grimm, Gemälde von Elisabeth Jerichau-Baumann, 1855, Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie

 

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