Jordanstraße

Von der Kreuzung am Altenbekener Damm führt in Verlängerung der Mainzer Straße die Jordanstraße stadteinwärts bis zur Geibelstraße. An der Jordanstraße liegen die Feuerwache 3, die Kulturetage „SofaLoft“ und das Franz-Ludewig-Haus der St. Heinrichsgemeinde. Benannt ist die Straße seit 1915 nach dem Dichter und Politiker Wilhelm Jordan.

Wilhelm Jordan

Wilhelm Jordan
 

„Ein großer Dichter mag sich damit begnügen, in einem Teile des Kulturlebens der Gegenwart zu Hause zu sein. Ein führender Geist kann das nicht. Und Wilhelm Jordan ist ein führender Geist. Allerdings nur für diejenigen, die den Zauber empfinden, der in der Kraft seiner Ideen liegt“. Mit diesen etwas abgehobenen Worten gratuliert der leicht verschrobene Welträtselentzifferer Rudolf Steiner im Februar 1899 im „Magazin für Literatur“ dem „verehrten“ Wilhelm Jordan zum 80. Geburtstag. An diesem Tag, dem 8. Februar wird Jordan zum Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Insterburg in Ostpreußen ernannt, im restlichen Deutschland allerdings halten sich Ehrenbezeugungen in Grenzen. Jordans Übertragung der „Edda“ liegt zu diesem Zeitpunkt bereits zehn Jahre zurück; für viele ist er bereits ein Relikt des 19. Jahrhunderts.

Geboren wird Carl Friedrich Wilhelm Jordan als Sohn eines Pfarrers am 8. Februar 1819 in Insterburg. Über die Mutter ist, wie so häufig, nichts überliefert. Jordan besucht Schulen in Gumbinnen und Tilsit und studiert ab 1838 Theologie an der Universität Königsberg. Dort versucht er sich als Huldigungspoet. Jordan erwärmt sich für Feuerbach und Hegel und wechselt das Studienfach. Bevor er 1842 zum Dr. phil. promoviert wird, beglückt er Franz Liszt anlässlich dessen Ehrenpromotion mit einem trefflichen Stück Primanerlyrik:

"Die Jünger selbst des Kant und Hegel
Erwärmtest Du zu lichter Glut.
Sie schmückten in der Stadt am Pregel
Dein Haupt mit einem Doktorhut.
"

Wilhelm Jordan beschließt Schriftsteller zu werden und zieht nach Berlin, wo er aber bereits 1843 wegen antichristlich-liberaler Schriften ausgewiesen wird. Die nächste Station ist Leipzig. Dort gibt er 1845/46 die Zeitschrift „Die begriffene Welt“ heraus und wird wieder ausgewiesen. Dieses Mal wegen seiner politischen Aktivitäten. Weiter geht‘s nach Bremen, wo Jordan Mitarbeiter der „Bremer Zeitung“ wird. Als Korrespondent dieses Blattes darf er sogar wieder nach Berlin reisen.

Für den brandenburgischen Wahlkreis Oberbarnim zieht Wilhelm Jordan am 18. Mai im Revolutionsjahr 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung ein, die er rückblickend als „große Universität seines Lebens“ bezeichnet. Das Ergebnis seiner diesbezüglichen Studien ist der Übertritt zu Heinrich von Gagerns Casino-Fraktion, die die Einrichtung der konstitutionellen Monarchie auf ihre Fahnen geschrieben hat. Recht unrühmlich macht Wilhelm Jordan mit seiner „Polenrede“ auf sich aufmerksam, in der er die Wiederherstellung Polens ablehnt und für einen „gesunden Volksegoismus“ plädiert, mit dem sich das naturgesetzliche Recht des Stärkeren in der Geschichte manifestieren soll. Parallel zu seiner Abgeordnetentätigkeit arbeitet Jordan als Marinerat im Reichshandelsministerium und wirkt für den Aufbau einer deutschen Flotte.

1849 wird Wilhelm Jordan mit einer ordentlichen Pension ausgestattet und kann es sich leisten, nunmehr ausschließlich seinen dichterischen Neigungen nachzugehen. Von 1852 bis 1854 sein dreibändiges, an Goethes „Faust II“ angelehntes Mysterium „Demiurgos“, das sprachgewaltig daherkommend von manchen Zeitgenossen als „stilistisch mangelhaft“ und „verworren“ angesehen wird. Das kümmert Jordan nicht. Er wähnt sich auf dem, ein „deutscher Homer“ zu werden und widmet sich fortan der Bearbeitung des gesamten nordischen Sagengutes. Wilhelm Jordans Hauptwerk „Nibelunge“ wird beim Bildungsbürgertum des Kaiserreiches ein Modeerfolg, ohne jedoch längerfristige Wirkung zu haben. Obwohl er im 19. Jahrhundert gelegentlich als Vorläufer von Friedrich Nietzsche und Richard Wagner bezeichnet wird, kann er diese - vielleicht seiner mythologischen Verquastheit wegen - nicht von seinen „hehren“ Absichten überzeugen.

Wilhelm Jordan stirbt am 25. Juni 1904 in seiner Wahl-Heimatstadt Frankfurt am Main.

1871 verfasste Wilhelm Jordan etliche Rätselgedichte. Eines nimmt Bezug auf seine Verehrung für Charles Darwin. Die Lösung hat Jordan mit ins Grab genommen.

„Es lehren uns die Umgestalter
Dass im Verlauf der Weltenalter
Allmählich mit der Lebensweise,
Im Kampf um Dasein, Trank und Speise,
Der Wanderung nach kalten Ländern
Die Tiergestalten sich verändern;
Dass wir, von ganz denselben Ahnen
Mit Orang-Utans, Pavianen,
Zu Menschen endlich uns verfeinert,
Zu Kätzchen Tiger sich verkleinert,
Ja, dass die Maus als Urverwandten
Begrüßen darf den Elefanten.
Bezweifle nicht dies Werk der Zucht
In ungeheurer Zeitenflucht.
Weit plötzlicher geschieht jetzunder
Ein größeres Verwandlungswunder.
Es wirkt dabei nicht Glut noch Frost;
Nur des Geschöpfs gewohnte Kost
Macht's viele hundert Pfund verlieren.
Es zählt schon zu den großen Tieren;
Doch setz' ihm vor sein Alltagsfutter,
So wird es flugs zum Liliputter.“

Lithografie: Wilhelm Jordan um 1885. Der Urheber ist nicht bekannt.

 

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