Eins auf die Fresse | Blutsbrüder - Ein Berliner Cliquenroman macht Furore und wirft Fragen auf

Von Lothar Pollähne

Dass die renommierte britische Tageszeitung „Guardian“ eine deutsche Buchveröffentlichung zur Kenntnis nimmt, kann fast schon als Sensation bezeichnet werden. Dass sie dieses Buch auch noch als „Sensation“ beschreibt und eine Übersetzung ins Englische anmahnt, legt nahe, dass es sich um ein bedeutendes Buch handeln muss. Auch in deutschen Landen haben sich die Medien mit großen Prädikaten diesem Buch genähert. Als es 2013 erscheint, titelt „BILD am Sonntag“: „Das geheimnisvollste Buch des Jahres“, und der SPIEGEL, gewöhnlich nicht zu brachialer Sprachgewalt neigend, titelt: „Ein Buch wie ein Handkantenschlag. Hart, direkt und wahr.“ 

Das Buch heißt „Blutsbrüder“, ist 1932 im Verlag Bruno Cassirer in Berlln erschienen, wurde von den Nazis auf die ersten Bücherhaufen zur Verbrennung geschmissen und danach siebzig Jahre lang vergessen. Nun ist es wieder da, mit voller Wucht, ein Buch über Trebegänger auf Berliner Straßen, dessen Autor, Ernst Haffner zwar namentlich bekannt ist, dessen Lebenslauf jedoch irgendwo im aufgestrahlten Nazi-Deutschland abbricht. Da Krieg, Lager und Gefängnisse in jenen Jahren penibel dokumentiert wurden, muss angenommen werden, dass Haffner einfach irgendwo ermordet wurde. Er ist spurlos verschwunden.

Ernst Haffner, soviel ist bekannt, war Sozialarbeiter und Journalist, und kannte die Jungs, die er als Blutsbrüder beschreibt. Jungs, die aus der prügelharten Fürsorge der Erziehungsheime entflohen, um im Dickicht der großen Städte Schutz in der Anonymität der Massen zu suchen. Die Jungs, ohnehin hart drauf, bilden Banden, saufen, klauen, schnorren, schlafen in Hauseingängen oder Tageskinos oder wandern und wandern und wandern. Bis sie müde werden. Für eine Erbsensuppe gehen sie auf den Strich. Ernst Haffner beschreibt dies nüchtern, als sei das eine Selbstverständlichkeit. Welche Alternative blieb zum Beispiel Otto Kellermann? „Ein ganz junger, mit hellblonden Haaren und weicher weißer Haut wie die eines Mädchens, nannte sich Ottilie, und wer Ottilie haben wollte, musste auch blechen ...“

Otto und die vielen anderen Jungs wollten vor allem eines: dem verletzenden Alltag in den „Heimen“ entfliehen, deren Personal sich überwiegend aus gescheiterten Spießen der ehemals kaiserlichen Armee zusammensetzte. Das Gestrüpp der großen Stadt bot die besten Möglichkeiten zum Abtauchen. Die Techniken zum Leben auf der Straße hatten die Jungs in den „Heimen“ gelernt: Entweder du haust auf die Fresse oder du kriegst auf die Fresse. Das Leben auf der Straße ist brutal, vor allem, wenn man allein unterwegs ist. „Zu zweien ist das alles ganz anders“, schreibt Ernst Haffner zum Ende seines Berichts. „Da ist eine Nacht nur halb so lang, halb so kalt, beißt der Kohldampf nur halb so schlimm. Einer stößt den anderen in die Rippen: ‘Na, Mensch, was is? Man los! Zweimal vom Schlesischen Bahnhof zum Bahnhof Charlottenburg: schon ist die Nacht um!‘“

Wer Blutsbrüder liest, denkt unwillkürlich an Erich Kästner, an Emil und die Detektive, aber Haffner war wohl kein Literat, sondern protokollierender Beobachter, und seine Schilderungen enthalten keine „Jungen mit Hupen“ und kein „Pony mit Hütchen“, sondern Jungs, die nach der Devise handeln: Entweder der oder ich. Wer sich nicht fügte, bekam „Eins auf die Fresse“. Abgang war da überall. Das gilt auch heute noch und deshalb ist Ernst Haffners Buch „Blutsbrüder“ eine Sensation. Wer dieses Buch nicht gelesen hat, sollte im Dickicht der Städte seine Stimme nicht erheben.


Ernst Haffner: Blutsbrüder, Metrolit Verlag Berlin, 2013, 260 S., € 19,99.
Für Mitglieder der Büchergilde Gutenberg ist das Buch ein wenig günstiger zu erwerben. Für Lesemuffel gibt es ein Hörbuch, das Ben Becker für den Argon Verlag aufgesprochen hat.