Kurt-Schwitters-Platz

Wo das Rudolf-von-Bennigsen-Ufer, das Arthur-Menge-Ufer, die Culemannsttraße und die Willy-Brandt-Allee aufeinandertreffen, befand sich jahrelang ein Nichts. Der Kreuzungsplatz war unbenannt. Das änderte sich 1979 mit der Eröffnung des „Kunstmuseum Hannover mit Sammlung Sprengel“ als der Platz nach Kurt Schwitters benannt wurde, dem berühmtesten modernen Künstler Hannovers. Der Kurt-Schwitters-Platz hat nur eine Hausnummer mit zwei herausragenden Adressen: das Sprengel-Museum - 1984 nach dem Schokoladenfabrikanten und Kunstsammler Bernhard Sprengel benannt - und das Restaurant Bell’Arte, das sich nicht nur durch eine der schönsten Terrassen der Landeshauptstadt auszeichnet.

Kurt Schwitters

Kurt Schwitters vor 1927, Foto: Genja Jonas
 

Kurt Schwitters vor 1927
Foto: Genja Jonas

Wahrscheinlich waren Henriette und Eduard Schwitters noch den überkommenen Gepflogenheiten verpflichtet, ihren Kindern die Vornamen der Großeltern und Urgroßeltern zum Rufnamen beizugeben. Wie sonst wäre es zu erklären, dass der am 20. Juni 1887 geborene Knabe den Namen Kurt Hermann Eduard Karl Julius verpasst bekam. Wissen konnten sie jedenfalls nicht, wohin sich ihr Kind entwickeln würde. Zumindest eines ist sicher im frühen Leben des Unstetigen: er wächst in auskömmlichen Verhältnissen auf. Die Eltern besitzen ein Geschäft für Damenoberbekleidung und später etliche Mietshäuser.

Zwei Jahre nach Kurts Geburt zieht die Familie Schwitters in die noble Waldhausenstraße. Ohne große Begeisterung besucht Kurt Schwitters das Realgymnasium, die heutige Tellkampfschule. Die Bildungsanstalt ist naturwissenschaftlich ausgerichtet und nimmt wenig Rücksicht auf Schwitters künstlerische Neigungen. Nach dem Abitur im Jahr 1908 beginnt Kurt Schwitters ein Studium an der Kunstgewerbeschule in Hannover. 1909 zieht es ihn nach Dresden, wo er bis 1914 an der erlauchten königlichen Kunstakademie studiert. Erstaunlicherweise nimmt er keinen Kontakt zur Dresdner Künstlergruppe „Die Brücke“ auf.

Mit Beginn des Weltkrieges kehrt Kurt Schwitters nach Hannover zurück, wo er 1915 seine langjährige Freundin Helma Fischer heiratet. Sein künstlerisches Schaffen ist in diesen Jahren eher konventionell zu nennen. Im März 1917 wird Schwitters zum Kriegsdienst eingezogen, muss aber wegen seines labilen Gesundheitszustandes nur drei Monate lang dienen. Danach wird er als technischer Zeichner im Eisenwerk Wülfel dienstverpflichtet. Nach Kriegsende radikalisiert sich Kurt Schwitters künstlerisch. Er saugt Fauvismus, Futurismus und Kubismus im Eiltempo auf. Quasi mit Beginn der Revolution wird am 16. November 1918 Schwitters Sohn Ernst geboren.

Die erste künstlerische „Heimat“ wird Herwarth Waldens Galerie „Der Sturm“ in Berlin, wo Kurt Schwitters 1919 sein erstes „MERZ-Bild“ ausstellt. Obwohl er mit der radikalen „Novembergruppe“ sympathisiert, der auch der Hannöversche Künstler und Schriftsteller Karl Jakob Hirsch angehört, bleibt Kurt Schwitters politisch zurückhaltend. Das macht ihn bei der Berliner Dadaistengruppe suspekt. Deren führender Kopf Richard Huelsenbeck schmäht Schwitters als „Kaspar David Friedrich der dadaistischen Revolution“. Schwitters Antwort ist MERZ und das bedeutet für den Künstler: „Beziehungen schaffen, am liebsten zwischen allen Dingen der Welt“.

Das gelingt Kurt Schwitters. Er nutzt Abfall, Zeitungsausschnitte und Werbeschnipsel, um seine Merzbilder herzustellen. Das Wörtchen MERZ ist ein solcher Werbeschnipsel. Schwitters hat ihn einer Anzeige der „Kommerz und Privatbank“ entnommen. Zur Vollendung entwickelt Kurt Schwitters seine künstlerische Weltanschauung im Merzbau, den er fast 20 Jahre lang in den Räumen des elterlichen Hauses errichtet. Der Merzbau ist eine verschachtelte, grottenähnliche Installation mit Erinnerungsstücken. Neben vielen anderen Schwitters’schen Kunstwerken ist der Merzbau 1943 bei einem Bombenangriff zerstört worden. Seit 1988 zeigt das Sprengel-Museum eine Rekonstruktion des dadaistischen Geniestreichs.

Schon früh in seiner künstlerischen Karriere beginnt Kurt Schwitters literarisch zu arbeiten. So setzt er 1919 die nachmalig berühmte Anna Blume in die Welt, jenes „tropfe Tier“, das sich „von hinten wie von vorne“ lesen lässt: „A——————N——————N——————A“.  Schwitters lässt seine Ode an Anna auf Hannoversche Litfaßsäulen kleben und wird dafür von Biedermännern und -frauen als Geisteskranker beschimpft. Dass Kurt Schwitters auch ein ausgezeichneter Vortragskünstler ist, beweist er mit der „Ursonate“, die er 1925 für die Deutsche Grammophongesellschaft in Hannover aufnimmt. Sie ist bis heute ein akustischer Urknall.

Da es auch in den Jahren der Weimarer Republik für Künstler nicht einfach ist, ihren Lebensunterhalt mit der Kunst  zu verdienen, verdingt sich Kurt Schwitters als Werbegrafiker. Dabei kommen ihm seine typografischen Kenntnisse zu Gute. Zu Schwitters Kunden zählen die Stadt Hannover und der Schreibwarenhersteller Pelikan. Gemeinsam mit der hannoverschen Künstlerin Käthe Steinitz erhält Schwitters einen Preis für einen gemeinsam verfassten Operntext.

Nach dem Tod des Vaters kann Kurt Schwitters ab 1931 von den Mieteinnahmen der ererbten Häuser leben. 1930 schreibt er in einem Sonett: „Bei gutem Wetter bin ich liberal“, aber die politischen Wetterverhältnisse ändern sich zu Beginn der 1930er Jahre beängstigend rapide. 1932 tritt Kurt Schwitters der SPD bei.

Nach der Machtübertragung an die Nazis gerät auch Kurt Schwitters ins Visier der neuen Machthaber. Seine Bücher werden verbrannt. Schwitters bereitet seinen Abschied aus Deutschland vor. 1934 pachtet der Norwegen-Fan für die Dauer von 99 Jahren eine alte Schmiede auf der Insel Hjertøya. Dort hält er sich in den beiden kommenden beiden Jahren jeweils mehrere Monate lang auf. Am 2. Januar 1937 emigriert Kurt Schwitters mit seinem Sohn Ernst nach Norwegen und lässt sich in Lysaker in der Nähe von Oslo nieder. Dort entsteht der zweite Merzbau. Auch in die Schmiede auf Hjertøya installiert Schwitters einen solchen Bau, ohne ihn jedoch Merzbau zu nennen. Seinen Lebensunterhalt verdient der von den Nazis für „entartet“ erklärte Künstler mit Landschaftsmalerei. Die hatte er während seines Studiums in Dresden gelernt.

Als die Nazi-Luftwaffe am 9. April 1940 den nahegelegenen Flughafen von Oslo bombardieren, flüchten Kurt und Ernst Schwitters zum zweiten Mal, zunächst in den Norden des Landes. Einen Tag vor der Kapitulation Norwegens können Kurt und Ernst Schwitters nach England entkommen. Dort werden sie interniert, sind aber dennoch glücklich, der Verfolgung durch Nazi-Deutschland entkommen zu sein. Nach 17 Monaten Internierung lebt Kurt Schwitters in London. Dort wird er jedoch nicht heimisch. Nach einem Schlaganfall zieht er 1944 nach Ambleside im Lake District. Gesundheitlich angeschlagen arbeitet Schwitters an einem weiteren Merzbau. Ihm ist klar, dass nur noch wenig Schaffenszeit hat. Kurt Schwitters stirbt am 8. Januar 1948 und wird im Beisein des Sohnes und einiger Freunde in Ambleside beerdigt. Zu diesem Zeitpunkt ist Kurt Schwitters so gut wie vergessen.

Erst Mitte der 1960er Jahre wird Hannovers berühmtester Künstler des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt. Seine Urna wird nach Hannover überführt und auf dem Stadtfriedhof Engesohde an prominenter Stelle in einem städtischen Ehrengrab beigesetzt. Damit hat sich Kurt Schwitters Lebenskreis geschlossen, oder? Auf dem von einer stilisierten Lilie gekrönten Grabstein ist ein kryptischer Satz eingemeißelt: „Man kann ja nie wissen“. 

Ein großer Teil des Schwitters-Ouevres ist im Besitz des Sprengel-Museums. Dort hat seit 1996 die „Kurt und Ernst Schwitters-Stiftung ihr Domizil.

Kurt Schwitters vor 1927  Foto: Genja Jonas

 

Überraschende Ausgrabung
Nach der Lektüre des Kurt-Schwitters-Portraits in der „Bezirksbegehung“ von Bezirksbürgermeister Lothar Pollähne hat unser Mitglied Walter F. Gelinski sein Archiv durchgestöbert und Fotos von Kurt Schwitters zweitem Merzbau gefunden. Die Fotos entstanden während der Dreharbeiten für die Fernsehdokumentation „Exellenz Kurt Schwitters - Fürst von Hiertöya“ auf ebenjener Insel in Norwegen. Schwitters hatte dort während seiner Exiljahre einen Ziegenstall gemietet und nach dem Vorbild des ursprünglichen Merzbaus ausgestaltet. Walter F. Gelinski war als Kameramann des NDR für die Filmaufnehmen verantwortlich. Die Fotos hat der Autor der Dokumentation, Sieghard Hennig geschossen. Begleitet wurde das NDR-Team vom Hannöverschen Schriftsteller und Schwitters-Experten Klaus Stadtmüller.

Die Fotos zeigen Klaus Stadtmüller mit norwegischen Experten vor der Eingangstür zum Ziegenstall, den ersten Eindruck nach der Öffnung der Tür und zwei Innenansichten des zweiten Merzbaus. Der Bezirksbürgermeister dankt Walter F. Gelinski für die Genehmigung zur Veröffentlichung. lopo


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