Der Geruch des Antiquariats | Sascha Abramskys Liebeserklärung an seinen Großvater Chimen und an das Haus der 20000 Bücher

Von Lothar Pollähne

Nach dem Tode Umberto Ecos im Februar 2016 staunte die lesende Welt über den Fundus der enormen Belesenheit des italienischen Intellektuellen. Seine private Bibliothek umfasste 50000 Bände. Angenommen, er hätte sie alle gelesen, so hätte er vom Tage seiner Geburt an jeden Tag etwa zwei Bücher lesen müssen. Das dürfte selbst dem großen Denker Umberto Eco nicht möglich gewesen sein.

Vor diesem Hintergrund ist die Wertschätzung eines Buches mit dem Titel „Das Haus der 20000 Bücher“ ein wenig knifflig. Nur 20000, und das, obwohl der Sammler dieser Bücher zehn Jahre älter geworden ist als Umberto Eco. Ja, hat der denn nicht fleißig genug gelesen? Spaß beiseite: er hat. Chimen Abramsky, der in seinem langen Leben diese immense Bibliothek zusammengetragen hatte, galt zu Lebzeiten als Marx-Experte schlechthin und als der Chronist jüdischer und jiddischer Geschichte und Kultur. Das allein war schon eine Biografie wert, und die hat sein Enkel Sascha, ein in den USA lebender Journalist, geschrieben. Das Buch ist eine einzigartige Liebeserklärung geworden an die eigene Familie und eine Erinnerung an die Zeit der Kriege, der Verfolgung, der Vernichtung und des Widerstands.

Chimen Abramsky wurde 1916 im vorrevolutionären Minsk in Weißrussland geboren. Sein Vater Yehezkel war schon zu jener Zeit ein berühmter orthodoxer Rabbiner. In Stalins repressiver Sowjetunion wurde er inhaftiert und im Lager weggesperrt. Nach internationalen Interventionen konnte Yehezkel Abramsky 1931 nach Großbritannien auswandern. Der junge Chimen durfte im Gegensatz zu seinen Brüdern, die erst später die Sowjetunion verlassen konnten, mit dem Vater emigrieren. 1936 zog es Chimen nach Palästina, wo er in Jerusalem Geschichte studierte. Wegen der britischen Mandatspolitik durfte er 1939 nach einem Besuch bei seinen Eltern nicht wieder aus London nach Palästina zurückreisen. Da die Fortführung des Studiums in Großbritannien nicht denkbar war, trat Chimen Abramsky 1940 in die Dienste der Buchhandlung „Shapiro, Valentine and Co.“ ein und entdeckte seine Liebe zu alten Büchern. Ein Jahr später entdeckte er seine Liebe zu Miriam Nirenstein, der Tochter des Besitzers und heiratete sie.

Wenig später — Saschas Vater Jack war gerade geboren — kauften Chimen und Miriam das Haus Hillway 5, das in den folgenden Jahren zu dem Salon der britischen Linken werden sollten. Unter dem Eindruck des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion waren die Abramskys in die britische KP eingetreten, der sie schon lange wohlwollend zugeneigt waren. Dass Chimens Vater Yehezkel Gefangener in Stalins Gulag gewesen war, spielte dabei keine Rolle, denn der galt in einer Einschätzung des Sohnes der Partei gegenüber als „Reaktionär“.

Dass Hillway 5 zum intellektuellen Zentrum der britischen Linken werden konnte, lag vor allem an  der Gastfreundschaft der Abramskys und die hatte ihr solides Fundament in Miriam Abramskys Küche, dem einzigen Raum des Hauses, in dem es ausweislich eines Fotos keine Bücher gab. Miriam Abramsky brauchte sie nicht, um ihr kulinarisches Wissen in Speisen und Getränke umzusetzen, die dann den diskutierenden Gästen dargeboten wurden. Wer zu Besuch kam, war automatisch auch zum Essen eingeladen und das waren viele in den vielen gemeinsamen Jahren von Chimen und Miriam Abramsky. Die prominentesten waren zweifellos die Mitglieder der Historikergruppe der britischen KP: Eric J. Hobsbawm, E. P. Thompson, Christopher Hill, Raphael Samuel und Chimen Abramsky. Deren Einfluss auf die britische Geschichtsschreibung ist bis heute ungebrochen. Nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands durch die sowjetischen Truppen brach dieser „linke think-tank“ auseinander, weil sich etliche Mitglieder, darunter auch Chimen, von der KP lösten.

Chimen Abramsky wandte sich nun dem Studium und dem Sammeln jüdischer und jiddischer geistiger und weltlicher Literatur zu, fand aber nichts dabei, auf einem Regalbrett Karl Marx neben eine jiddische Bibel zu stellen. Obwohl Sascha Abramsky seine Familiengeschichte „Das Haus der 20000 Bücher“ betitelt hat, spielen Bücher nicht die Hauptrolle. Im Mittelpunkt stehen die Beziehungsgeflechte, die Chimen und Miriam Abramsky um sich herum eingerichtet hatten. Sascha Abramsky hat dazu ein Ordnungssystem aufgebaut, das das Haus Hillway 5 plastisch werden lässt. Jeder Raum ist einem Thema zugeordnet. So ist das Esszimmer in Anlehnung an die Historikergruppe mit den Worten untertitelt „Rituale und Rebellen“ und in der Küche herrschen „Etwas Salz, ein bisschen Zucker und ganz viel Liebe“. Das macht Sascha Abramsky so liebevoll, dass seine Zuneigung zu den Großeltern überspringt. Bis zu seinem Tod im Jahr 2010 konnte Chimen Abramsky den Geruch seiner vielen alten Bücher wahrnehmen. Wahrscheinlich hat er ihn mit ins Grab genommen, das in unmittelbarer Nähe von Hillway 5 auf dem Highgate Friedhof liegt, dicht bei Karl Marx. Da hat sich dann in gewissem Sinne ein Kreis geschlossen.

Postscriptum: Sascha Abramskys Buch ist 33 Millimeter dick. Multipliziert mit 20000 ergibt dies eine Bücherreihe von 660 Metern Länge. Da kommen manche Menschen schon beim Laufen aus der Puste, vom Lesen ganz zu schweigen.


Sascha Abramsky, Das Haus der 20000 Bücher, München, 2015, 382 S., € 22,90