Ansprache von Bezirksbürgermeister Lothar Pollähne anlässlich des 80. Jahrestages der Bücherverbrennung.

Lothar Pollähne
 

Gehalten am 10. Mai 2013 auf einem Maschsee-Dampfer in Höhe des ehemaligen Standortes der Bismarck-Säule, dem Ort des Verbrechens

Als heute vor achtzig Jahren fanatisierte faschistische Akademiker unweit von hier Bücher verbrannten, waren viele der „verbrannten Dichter“ entweder bereits im Exil oder in der inneren Emigration, waren in Konzentrationslagern eingepfercht oder hatten sich aus Angst vor allem, was sie zu Recht fürchteten, selbst getötet.

Eines einte die ansonsten auf ihre Einzigartigkeit bestehenden Schriftsteller: die Liebe zur deutschen Sprache und die Angst, sprachlos zu werden. Zwei Tage nach der Bücherverbrennung veröffentlichte Oskar Maria Graf in Wien seinem berühmt gewordenen Aufruf „Verbrennt mich“. Darin heißt es:

„Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen,dass meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbanden gelangen.“

„Verbrennt die Werke des deutschen Geistes. Er selber wird unauslöschlich sein, wie eure Schmach“,

schrie Graf von Wien aus, wo er zunächst Zuflucht gefunden hatte, in die Welt hinaus. Nur wenige mochten dem selbsternannten „Provinzschriftsteller“ ihr Gehör leihen.

Als der verbrannte Dichter Heinrich Mann im Exil in Nizza schrieb,

„Der Bücherverbrennung soll man gedenken - um der Ohnmacht Willen, die sich erdreistete, Scheiterhaufen zu errichten für Geisteswerke: als ob Geisteswerke nicht feuerfest wären“,

konnte der Autor des „Professor Unrat“ für sich die Hoffnung hegen, dass sein üppiges, international erfolgreiches Werk Bestand haben würde.

Der elsässische Schriftsteller René Schickele, den Heinrich Mann als Präsident der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste sicherlich gekannt hat, war da nicht so optimistisch wie Mann und Oskar Maria Graf. Im Dezember nach der Bücherverbrennung notierte Schickele im französischen Exil:

„Wenn es Goebbels gelingt, unsere Namen von den deutschen Tafeln zu löschen, sind wir tot. Gespenster in der Diaspora, in der wasserarmen Provinz. Schon die nächste Generation wird nichts mehr von uns wissen“.

Dabei sind René Schickele und mit ihm Albert Ehrenstein, Walter Mehring, Armin T. Wegener, Max Hermann Neisse und Paul Zech, um nur wenige zu nennen, auch in der Emigration nicht verstummt, sondern haben weiterhin literarisch gearbeitet. Nur gedruckt wurden sie weder im Ausland noch in dem nach der kurzen, fürchterlichen Ewigkeit von der Nazi-Barbarei befreiten, geteilten Deutschland.

Die Liste der verbrannten und weithin vergessenen Dichter lässt sich bis in Hannovers Südstadt hinein ausweiten. Carl Sternheim (wer war das noch gleich?) oder Frank Wedekind. Beide verlebten Teile ihrer Kindheit in der Südstadt: Wedekind wurde gar mit dem Vornamen Benjamin Franklin versehen in der Großen Aegidienstraße, der heutigen Heinrich-Kümmel-Straße, geboren. Sternheim hat den „Bürger Schippel“ auf die Bühne gebracht, Wedekind hat ebendort gar „Die Büchse der Pandora“ geöffnet“. Beide Stücke generierten seinerzeit mittlere Bühnenskandale, nur: Wen interessiert das heute noch?

Paul Steegemann, der literarisch ambitionierte Verleger, der 1919 in der Marienstraße 33 einen Verlag gründete, in dem die legendäre Reihe „Die Silbergäule“ erschien, ist heute ebenso vergessen wie Christof Spengemann, der in der Stolzestraße 5 Satiren und Kritiken für den „Volkswillen“, die Zeitung der hannoverschen SPD, verfasste. Spengemann wurde von den Nazis als Mitglied der Sozialistischen Front 1937 festgenommen und zwei Jahre lang inhaftiert. Steegemann, der Verlagsvater der deutschen Dadaisten, wurde von den Nazis enteignet.

Mit Steegemanns Silbergäulen ging auch Kurt Schwitters „Anna Blume“, das „troffe Tier“ an den Start in die literarische Welt. Schwitters lebte schon als Kind in der Waldhausenstraße, wo er seinen im 2. Weltkrieg zerstörten Merzbau in das Elternhaus integrierte. Hannovers bedeutendster Universalkünstler musste 1937 zunächst nach Norwegen fliehen. Als die Nazi-Armeen dort einfielen, floh er zum Ende seines Lebens weiter nach England, wo er 1948 starb und begraben wurde. Seine zweite und eventuell vorletzte Ruhestätte fand er 1970 auf dem Engesohder Friedhof. Sein Grabstein ist mit der hintersinnigen Anmerkung versehen „Man kann ja nie wissen“.

Kurt Schwitters wurde lange nach dem 2. Weltkrieg allmählich wiederentdeckt. Spätestens seit der Merzbau im Sprengelmuseum nachgebaut wurde, war er wieder in Hannover angekommen und angenommen. Spengemann und Steegemann dagegen waren nach dem 2. Weltkrieg nur noch mäßig erfolgreich. In einschlägigen Kreisen wird gelegentlich an beide erinnert. Aber wer erinnert sich noch an Albrecht Schaeffer? Auch seine Bücher brannten vor achtzig Jahren an der Bismarck-Säule.

Schaeffer war 1890 als Fünfjähriger aus Westpreußen nach Hannover gekommen, ging hier zur Schule und veröffentlichte 1909 im „Hannoverschen Kurier“ sein erstes Gedicht mit dem Titel „Die Tänzerin“. Ab 1914 wohnte Schaeffer in der Friedrichstraße 3, wo heute der Glaspalast der Norddeutschen Landesbank steht. Dort begann er mit der Arbeit an seinem Hauptwerk „Helianth“, einer dreibändigen Chronik über Hannover und seine Sehenswürdigkeiten, Kneipen und Kuriositäten.

Auch Albrecht Schaeffer, der über Kuba nach New York City emigriert war, blieb im Exil literarisch aktiv. Geblieben ist von ihm nur sein Grab auf dem Engesohder Friedhof. Ein Jahr vor seinem Tod schrieb Schaeffer in New York City:

„Mit einigen sechzig Jahren, nachdem ich zwei Jahrzehnte im bayrischen Süden und eins in Amerika verlebt habe, weiß ich besser als jemals. dass meine Heimat Hannover ist“.

Und er fügte eine impressionistische Liebeserklärung hinzu:

„Wie kann ich doch die Atmosphäre, den Duft, die Konturen, die Farben, das ganze Unbeschreibliche der tief geprägten Vertrautheit von Straßen, Plätzen, Alleen, Gärten mit solcher Intensität einatmen, mit so greifbarer Deutlichkeit sehen, als wäre kein Augenblick vergangen seit den Tagen, wo ich in sie, wo sie in mich hineinwuchsen.“

Elf Tage vor seinem Tod am 5. Dezember 1950 wurde Schaeffer in der von ihm so sehr gepriesenen Landeshauptstadt Hannover mit dem Niedersächsischen Staatspreis für Literatur geehrt. Die Grabrede auf dem Engesohder Friedhof hielt der ebenfalls in Vergessenheit geratene Schriftsteller Hans Henny Jahnn, der vor den Nazis nach Kopenhagen flüchtete und am 1. Mai 1933 schrieb:

„Ich bin einfach von Angst besessen. Auch ich habe das Getöse von Deutschland hier im Radio gehört. Diese Wildheit, dieser Ungeist, Phrasen. Ich schäme mich.“

Am 20 Juni 1933 schrieb Jahnn:

„Das weltbewegende Ereignis dieses Jahrhunderts ist für die Welt die Bücherverbrennung“.

Da konnte er noch nicht ahnen, dass die Nazis Heinrich Heines kryptische Prophezeiung aus dem Almansor „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“ tatsächlich wahrmachen würden. Auch Hans Henny Jahnn geriet in den beiden Deutschlands der Nachkriegsjahre in Vergessenheit.

In der wäre sicherlich auch Theodor Lessing verloren gegangen, hätten sich nicht in den vergangenen 30 Jahren immer wieder mutige Menschen seiner literarischen Hinterlassenschaft zugewandt. Lessing, in einem Haus der Südstadt aufgewachsen, wo heute nach der Zerstörung durch Bomben die Region Hannover ihren Sitz hat, blieb diesem Stadtteil zeitlebens verbunden. Er lebte in der Heinrich-Stamme-Straße und zweimal in der Stolzestraße.

Lessing, der spätestens nach der Veröffentlichung seines Buches über den Haarmann-Prozess zum Hassobjekt der wohlanständigen Rechtsbürger geworden war, musste am 26. Mai 1926 um sein Leben laufen, weil ihn rechtsradikale Jungakademiker in der Technischen Hochschule mit Stöcken und Steinen angriffen. Das waren bereits Vorzeichen des Bösen. Noch vor der Verbrennung auch seiner Bücher floh Theodor Lessing im März 1933 nach Marienbad in die Tschechoslowakei.

Wenige Tage vor seiner Ermordung durch sudetendeutsche Nazischergen am 31. August 1933 schrieb Lessing an seinen Freund, den hannoverschen Bibliothekar Werner Kraft, einen Südstädter, der sich bereits im Exil in Kopenhagen befand:

„Ich friste das Leben von Tag zu Tag; hoffnungslos, grau, über mich hinweglebend; eigentlich nicht mehr dabei.“

Vor seiner Emigration hatte Theodor Lessing 1933 in einem Essay sein Leiden an Deutschland mit den Worten beschrieben:

„Man kann mit Brot und Fechterspielen, mit Uniformen, Paraden, Kanonen und großen Worten wohl die Ordnung toter Zeiten unterhalten. Saubere Trottoire und pünktliche Fahrpläne. Aber nicht Volksseele. Nicht Freude. Nicht Schönheit, Anmut und Geist.“

Daran zu erinnern ist achtzig Jahre nach der Bücherverbrennung so aktuell wie je, denn die Bücherverbrenner sind keineswegs ausgestorben. Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass sie nie wieder Fackeln in die Hand nehmen können.