Rede von Bürgermeister Thomas Hermann zum internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust

Bürgermeister Thomas HermannFoto: Thomas Hermann
 

Als die Spitzen der Roten Armee am 27. Januar 1945 das Vernichtungslager Auschwitz erreichten, wussten sie nicht zu deuten, was sie dort sahen. Doch das Grauen steigerte sich von Lager zu Lager.

Sie wussten nicht, was sie erwartet, am Morgen dieses 27. Januar 1945, einem klirrendkalten und schneereichen Sonnabend. In der Nähe des polnischen Städtchens Oswiecim wurden große Fabrikanlagen vermutet, die es galt, einzunehmen.

 

Als die ersten Soldaten einer Aufklärungseinheit das Tor zum Lager Auschwitz III Monowitz erreichten, stießen sie auf etwa 600 völlig ausgemergelte Männer und Hunderte von Leichen.

Das Entsetzen steigerte sich zunächst beim Betreten des Stammlagers und danach im größten Komplex des „SS-Interessengebietes Auschwitz“ in Birkenau. Die Rotarmisten trafen auf Tausende dem Tode nahen, dahinvegetierenden Menschen, Männer und Frauen. Und auf Hunderte von Kindern, teilweise nicht einmal sechs Jahre alt. Sie fanden Berge von Leichen und Lagerräume voller geraubter Habseligkeiten, 843.000 Herrenanzüge, 837.000 Damenmäntel, 44.000 Paar Schuhe und 7,7 t menschliches Haar.

Die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz ging einher mit der Aufdeckung einer beispiellosen, durchorganisierten, industriellen Tötungsmaschinerie durch das nationalsozialistische Regime.

Seit 1996 ist der 27. Januar in der Bundesrepublik der „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ ein gesetzlich verankerter Gedenktag.

"Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken." So lautete Roman Herzogs Apell bei der Einführung.

Im Jahr 2005 wurde der Gedenktag von den Vereinten Nationen zum „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ erklärt.

Er markiert einen Tag in der Geschichte, der mehr als jeder andere für die Befreiung von menschenverachtendem Terror und rassistischer Verfolgung steht, und der auch die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes maßgeblich geleitet hat.

Am Anfang der nationalsozialistischen Rassen- und Verfolgungspolitik stand die systematische Stigmatisierung ideologisch unerwünschter Menschen, an vorderster Stelle die Juden in Deutschland und Europa.

Das gesellschaftliche und gemeinschaftliche Wegsehen und der mobilisierte Hass der Nationalsozialisten führten zu:

  • Ausgrenzung, Entrechtung, Verfolgung, Deportation, Mord.
  • Nur wenige konnten sich dem Griff der Nationalsozialisten durch Flucht oder Abtauchen in die Illegalität entziehen.
  • Hunderttausende starben bei Massenerschießungen deutscher Einsatzgruppen in den eroberten Gebieten des Ostens. Ermordet und verscharrt an zu trauriger Berühmtheit gelangten Orten wie der Schlucht von Babi Jar.
  • Die Mehrheit der Verfolgten wurde separiert und in Lager verschleppt. Sie erlitten Hunger, Zwangsarbeit und die unmenschlichen und unvorstellbaren Grausamkeiten des Lageralltags.
  • Allein von Hannover aus wurden 1001 Jüdinnen und Juden nach Riga ins Ghetto deportiert. Mitmenschen, Nachbarn, Freunde wurden am 15.12.1941 am Bahnhof Hannover-Linden in Personenzüge (der Transport sollte so normal wie möglich aussehen) gepfercht. Ohne zu wissen wohin, ohne zu wissen, wie lange diese Reise dauern würde, so beschrieb Hilde Schneider diese unfassbare Ungewissheit. Wer in Riga das Ghetto besucht hat, ahnt die Verzweiflung, wer die Massengräber im Wald von Bikernieki gesehen hat, weiß um das tragische Schicksal der Deportierten. Von diesen über 1.000 Menschen überlebten nur 69.
  • Auschwitz gilt als Synonym sowohl für die Vernichtung als auch für die Befreiung. Auschwitz liegt in Polen. Man könnte meinen, weit entfernt von jeglicher individuellen Wahrnehmung. Dabei gab es hier im Raum Hannover, vor unser aller Haustür, auch insgesamt sieben Konzentrationslager, Außenlager des KZ Neuengamme.
  • Vom KZ Mühlenberg ging einer der berüchtigten Todesmärsche im Frühjahr 1945 nach Bergen-Belsen. Vor aller Augen, durch belebte Stadtteile Hannovers, durch Ricklingen, Kleefeld und die Podbi entlang, durch Dörfer, vorbei an Bauernhöfen zog sich der Marsch der entkräfteten und  ausgezehrten Häftlinge in den sicheren Tod. Henry Korman hat dies ausführlich in seiner Biographie beschrieben.[1]
  • In seinem Dokumentarfilm „Night will fall“ beschreibt Alfred Hitchcock den Moment der Befreiung des Lagers Belsen am 15. April 1945 durch englische Truppen ähnlich fassungslos wie es auch die russischen Befreier in Auschwitz am 27. Januar erlebten.

Im Januar jähren sich zwei Ereignisse, die gleichsam einen Anfangs- und einen Endpunkt der Shoah symbolisieren:

Während der 20. Januar durch die Wannseekonferenz 1942 für die Systematisierung des staatlich organisierten Völkermords steht, wurde aus dem Tag der Befreiung von Ausschwitz, dem 27. Januar, ein Gedenktag, der an alle Menschen erinnert, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entrechtet, verfolgt, gequält und ermordet wurden - insbesondere an die Opfer des Holocaust.

Unsere Gedanken sind in dieser Stunde bei den Ermordeten und den letzten Überlebenden.

Niemals darf vergessen werden, wie von Deutschland aus Furcht, Hass, Zerstörung und Tod über die Welt gebracht wurde. Und niemand darf vergessen.

Und doch ist die hässliche Fratze wieder aufgetaucht: durch Parteivorsitzende und Abgeordnete, die heute wieder in Parlamenten sitzen und die zwölf Jahre Nazi-Terror und Völkermord in einer Manier historischer Demenz als „Vogelschiss in der Deutschen Geschichte“ abtun und kleinstreden wollen – den größten und abscheulichsten Zivilisationsbruch aller Zeiten. Die nicht den Holocaust, sondern das Mahn- und Denkmal dafür als „Schande“ bezeichnen.

Das erinnert an die unsäglichen Verdrängungs- und Vertuschungsversuche der deutschen Justiz bei der Aufarbeitung der Nazi-Barbarei, an die großen Schwierigkeiten des Hessischen General-Staatsanwaltes Fritz Bauer als Ankläger im Frankfurter Auschwitz-Prozess.

Und an die angebliche Unkenntnis eines deutschen Bundeskanzlers im Juni 1960 im Gespräch mit einem israelischen Diplomaten: Adolf Eichmann? Den Namen dieses Massenmörders habe er zuvor nie gehört, sagte Adenauer. Agenten des Geheimdienstes Mossad hatten den NS-Verbrecher gerade in Argentinien festgenommen, um ihm in Jerusalem den Prozess machen zu können.[2]

Und das lässt auch die Frage zu, weshalb es fünf Jahrzehnte gebraucht hat, bis die Bundesrepublik Deutschland den 27. Januar zum gesetzlich verankerten Gedenktag machte und die Vereinten Nationen noch ein ganzes Jahrzehnt länger brauchten.

Die Bedeutung von „Auschwitz“ und folglich dem 27. Januar, reicht heute weit über den Holocaust hinaus. Unwiederbringlich in das kollektive Gedächtnis der Welt eingebrannt, steht dieser Ort mittlerweile für die generelle Achtung vor dem Leben, ruft uns zu Frieden und Versöhnung auf, fordert Toleranz, ein rücksichtsvolles Miteinander und vor allem gegenseitigen Respekt.

An jedem Jahrestag der Auschwitz-Befreiung gibt es weniger Überlebende, die ihre Erfahrungen weitergeben können. Die Generation der Zeitzeugen – Opfer wie auch Mitläufer, Beistehende und Täter – wird uns in den kommenden Jahren endgültig verlassen. Mit ihr verlieren wir unwiederbringlich Authentizität, verlieren die persönlichen und berührenden Zugänge zu diesem Abschnitt der Geschichte.

Es ist daher wichtig, Lehrprogramme zu entwickeln, damit die Erinnerung lebendig gehalten wird und sich Auschwitz nicht wiederholen kann.

Wir brauchen Orte des Erinnerns und des Lernens, wie die Gedenkstätte Ahlem oder den neu entstehenden Lernort „Zeit Zentrum Zivilcourage“ für die Landeshauptstadt Hannover. An die jüngeren Generationen soll dort nicht nur weitergeben werden, was in Auschwitz und andernorts geschah. Sie sollen aus dem Wissen der damaligen Ereignisse Lehren für das gesellschaftliche Miteinander ziehen. Wichtig ist dabei, offen zu bleiben für neue Ansätze, Zugänge und Fragen der nächsten Generation.

Die Vermittlung demokratischer Prinzipien wie die Einhaltung von Freiheits- und Menschenrechten oder die Akzeptanz unterschiedlicher Meinungen und Mehrheiten gehört zu den Daueraufgaben von Stadt- und Zivilgesellschaft. Eine solche demokratische Bildung ist der wirksamste Schutz vor Fremdenfeindlichkeit und Hass auf „die Anderen“ in unserer offenen Gesellschaft.

Hetzerische Parolen oder vermeintlich einfache Wahrheiten finden in aufgeklärten und kritischen Geistern keinen Nährboden. Sprache und Umgangsformen der Ausgrenzung, Abwertung und Herabwürdigung von Menschen dürfen keinen Platz in den Herzen Heranwachsender finden.

Gesellschaftliche Errungenschaften sind niemals ein für alle Mal gesichert. Sie müssen immer wieder durch gemeinsames Handeln bestätigt und täglich neu mit Leben gefüllt werden: Unsere „Erinnerungskultur“ fundamentiert die sozialen und demokratischen Errungenschaften der Gesellschaft.

Aktuelle Ereignisse wie im Bayrischen Landtag während der Holocaust-Gedenkrede von Charlotte Knobloch zeigen uns, wie wichtig diese Aufklärung nach wie vor ist. In ihrer Rede sagte sie: „Es ist unsere Verantwortung, dass sich das Unvorstellbare nicht wiederholt. 'Nie wieder' ist das Fundament der Bundesrepublik“.

„Nie wieder“ in unseren Gedanken, „Nie wieder“ mit unserem Verstand und „Nie wieder“ in unseren Herzen.

Der Film „Schindlers Liste“, der heute anlässlich seines 25-jährigen Jubiläums wieder in deutschen Kinos gezeigt wird – auch hier in Hannover -, vermittelt uns eine wichtige Botschaft: Dass es auf jeden einzelnen ankommt, dass es wichtig ist, nicht einfach wegzusehen und Unrecht nicht einfach geschehen zu lassen.

„Schindlers Liste war „für die Stiftung innerfamiliärer Dialoge in Deutschland entscheidender als mehrere Regalmeter deutscher Geschichtsschreibung – von der lange notorisch holocaustfernen deutschen Literatur ganz zu schweigen. [Er kam] übrigens (..) in einer Zeit, in der sich die neue Rechte in Deutschland (..) neu formierte.“[3]

Um es mit den Worten des Philosophen George Santayana 1863 – 1952) zu sagen:

"Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen."

Ich finde es ermutigend, dass unsere Schülerinnen und Schüler hier heute und an den anderen Gedenktagen zum 8. Mai, zum 1. September oder zur Bücherverbrennen erinnern, mahnen und mit wachem Blick ihre Lehren aus dieser Zivilisationskatastrophe für die Zukunft ziehen.

Der Text am Denkmal des Vernichtungslagers Birkenau, der auf Initiative des Internationalen Auschwitz-Komitees dort angebracht wurde, lautet:

„Dieser Ort sei allezeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit. Hier ermordeten die Nazis über anderthalb Millionen Männer, Frauen und Kinder. Die meisten waren Juden aus verschiedenen Ländern Europas“.

 


[1] Renate Müller De Paoli, Henry Korman – Biografie eines Überlebenden, Hannover 2015, S. 126 ff.

[2] Georg Bönisch, Nazi-Jäger Fritz Bauer – Kämpfer gegen das Vergessen, in: Spiegel Online, 19.3.2009

[3] Elmar Krekeler: 25 Jahre Schindlers Liste - Mit diesem Film hat Steven Spielberg uns alle befreit, in: welt.de, 19.01.2019