Rede von Bezirksbürgermeister Lothar Pollähne anlässlich des 86. Jahrestages der Bücherverbrennung in Hannover

Geschmückte GedenkplatteFoto: lopo
 

Auf Einladung des USAmerikanischen PEN-Zentrums kommen im Rahmen der Weltausstellung in New York City 55 Delegierte aus 29 Ländern vom 8. bis zum 10. Mai 1939 zum Weltkongress der Schriftsteller zusammen. Reichsdeutsche Delegierte sind nicht darunter, denn Nazi-Deutschland hat das deutsche PEN-Zentrum aufgelöst und durch die gleichgeschaltete „Union nationaler Schriftsteller“ ersetzt. Das Herz des deutschen PEN schlägt seit 1934 im Exil in London.

 

Das Herz des deutschen PEN schlägt seit 1934 im Exil in London. Das neue Zentrum mit Heinrich Mann an der Spitze entsendet viele Delegierte und Gäste nach New York City, denn das zentrale Thema des Weltkongresses ist die bedrückende Situation der Schriftsteller in Deutschland, Spanien und Italien. Die deutsche Teilnehmerliste liest sich wie ein „Who is  who“ der deutschen Literatur im Exil: Erich Maria Remarque, Arnold Zweig, Anette Kolb, Klaus Mann, Thomas Mann, Alfred Döblin, Oskar Maria Graf, Carl Zuckmeyer und Franz Werfel, um nur einige zu nennen.

Ernst Toller vor Gericht
 
Foto: Archiv der sozialen Demokratie

Ernst Toller vor Gericht

Einer der Initiatoren des Exil-PEN, der Dramatiker Ernst Toller, spricht zum Auftakt des Kongresses und beschwört die Exilanten, die deutsche Kultur zu retten, wie die „New York Post“ am 9. Mai titelt. Es soll sein letzter öffentlicher Auftritt sein. Tollers bester Freund, der Verleger Fritz Landshoff, ist entsetzt über den Auftritt, über die glanzlosen Augen und den fehlenden Lebensmut. Landshoff soll auf fatale Weise Recht behalten.

Der große Kämpfer Ernst Toller ist heute weitgehend unbekannt. Seine Stücke werden nicht mehr gespielt, im deutschen Bildungskanon spielt er keine Rolle. Dabei war er in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch vor Bertolt Brecht der bedeutendste politische Dramatiker, ein Mann, dessen Erlebnisse für mehrere Leben gereicht hätten.

Ernst Toller, Nachkomme spanischer Juden, wächst auf im westpreußischen Städtchen Samotschin in der Nähe von Posen. Die Familie ist weltoffen und vermögend, und so kann Ernst Toller zum Studium nach Grenoble gehen. Wie viele andere meldet er sich 1914 freiwillig zum Militär, um die „Mutter Deutschland“, wie er schreibt, zu verteidigen. Anfang 1917 wird Toller krank an Leib und Seele aus der Armee entlassen. Vom martialischen Deutschtum hat er die Nase voll. Toller setzt sein Studium in Heidelberg fort und ist entsetzt über die vielen Kriegskrüppel und Kranken, die die Mehrheit der Studierenden bilden.

Die Kriegsgräuel werden Ernst Toller sein Leben lang persönlich und literarisch dominieren. 1918 lernt er, dem in der Schule beigebracht worden war, Sozialisten seien Schurken, die den Staat abschaffen wollen, den bayrischen Revolutionär Kurt Eisner kennen, mit dem er bis zu dessen Ermordung am 21. Februar 1919 eng zusammenarbeitet. Mit Beginn der Münchener Räterepublik wandelt sich der radikale Pazifist Ernst Toller und organisiert die „Rote Armee“ zur Verteidigung der Revolution. Das ist ein verzweifelter Aufschrei.

Als die Räterepublik zerschlagen wird, ergreifen die neuen Machthaber den jungen Mann und stellen ihn vor ein Standgericht. Hätte er nicht so prominente Fürsprecher gehabt wie Romain Rolland und Thomas Mann, so wäre er — wie viele andere Revolutionäre — wegen Hochverrats zum Tode verurteilt worden. Ernst Toller wird zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt. Das ist in doppelter Hinsicht der Beginn seines nächsten Lebens. Der Freiheit beraubt, verschafft sich Toller dichterische Freiheit. Sein erstes autobiographisch geprägtes Drama, „Die Wandlung“, das seine Entwicklung vom jüdischen Kriegsfreiwilligen zum Revolutionär schildert, wird in Berlin mit dem großen Fritz Kortner in der Hauptrolle zum Erfolgsstück. Das verstört die Bayrischen Justizbehörden so sehr, dass sie Toller die Begnadigung anbieten. Toller lehnt ab, weil die anderen Mithäftlinge aus der Räteregierung nicht begnadigt werden. Sonderrechte lehnt der moralisch Rechtschaffene kategorisch ab und so bleibt er volle fünf Jahre lang in Haft und schreibt und schreibt und schreibt. 1919 wird „Masse Mensch“ uraufgeführt, 1921 „Die Maschinenstürmer“ und 1923 „Hinkemann“, ein Drama über einen Soldaten, der im Kriege entmannt nun sein Leben als singender Eunuch auf Rummelplätzen fristet.  Das macht ihn endgültig für die Rechtsradikalen zum kulturbolschewistischen Feind, der „scheeläugigen Hass und klassenpolitische Verhetzung“ predige.

Nach seiner Haftentlassung wird Ernst Toller aus Bayern ausgewiesen und geht nach Berlin. Mit dreißig Jahren ist Ernst Toller ein vom Leben gezeichneter Mann mit grauen Haaren, aber er ist weltberühmt. Seine Stücke werden in 27 Sprachen übersetzt, der Erfolg scheint unaufhaltsam. Tollers Gefängniserlebnisse fließen ein in die Revue „Hoppla, wir leben“, die Erwin Piscator zu einem Bühnentriumph macht.

Politisch engagiert sich Ernst Toller gemeinsam mit Kurt Tucholsky und Walter Mehring in der „Gruppe revolutionärer Pazifisten“ und warnt frühzeitig vor den Nazis. Im Gegensatz zu Heinrich Mann und vielen anderen, die in Hitler nur einen krass scheiternden Schwindler sehen, schreibt Ernst Toller: „Es ist an der Zeit, gefährliche Illusionen zu zerstören. Nicht nur Demokraten, auch Sozialisten und Kommunisten neigen zu der Ansicht, man solle Hitler regieren lassen, dann werde er am ehesten ‚abwirtschaften’. Dabei vergessen sie, dass die nationalsozialistische Partei gekennzeichnet ist durch ihren Willen zur Macht und zur Machtbehauptung. Sie wird es sich wohl gefallen lassen, auf demokratische Weise zur Macht zu gelangen, aber keinesfalls auf Geheiß der Demokratie sie wieder abzugeben.“

Bereits 1930 notiert Toller: „Geschieht heute nichts, stehen wir vor einer Periode des europäischen Faschismus, einer Periode des vorläufigen Untergangs sozialer, politischer und geistiger Freiheit, deren Ablösung nur im Gefolge grauenvoller, blutiger Wirren und Kriege zu erwarten ist.“ Als die Nazis den Reichstag „abfackeln“ lassen, befindet sich Ernst Toller zum Glück in der Schweiz. Er wird nie wieder nach Deutschland zurückkehren. Als der braune Bildungspöbel am 10. Mai 1933 reichsweit die ihnen missliebigen Bücher verbrennt, werden auch seine Werke den Flammen anheim gegeben.

Ernst Toller wird vom Ausland aus zum wichtigsten intellektuellen Ankläger der Nazi-Barbarei. Am 27. Juni 1933 klagt Ernst Toller auf dem PEN-Kongress in Ragusa, heute Dubrovnik, das Schweigen des noch existierenden deutschen PEN-Clubs zu den Verboten und Verfolgungen deutscher Schriftsteller an. Das sorgt weltweit für Aufsehen. Nur die deutsche Presse, obwohl noch nicht ganz gleichgeschaltet, schweigt.

Unmittelbar nach der Tagung schreibt Toller einen offenen Brief an Joseph Goebbels, in dem es — wieder fast prophetisch — heißt: „Sie verfolgen selbst die Emigranten durch die mannigfaltigen Mittel ihrer Gewalt. Sie wollen sie, um in ihrer Sprache zu reden, geistig und physisch, brutal und rücksichtslos vernichten.“ Rastlos rast der heimatlos gewordene Ernst Toller durch die Welt, um vor den Nazis zu warnen, aber der weltberühmte Mann wird zwar gehört, aber nicht ernst genommen. Das dürfte den Sanftmütigen verletzt haben.

Sein letzter großer politischer Einsatz gilt den Opfern des Spanischen Bürgerkriegs. Toller appelliert öffentlich an den US Präsidenten Franklin D. Roosevelt und erbettelt Millionen Dollar, die nach Spanien überwiesen werden. Was er nicht ahnen kann: Diktator Franco bekommt Zugriff auf das Geld und finanziert damit den Fortgang seiner Konterrevolution. Unmittelbar nach dem PEN-Kongress in New York City wird Ernst Toller von Roosevelt ins „Weiße Haus“ eingeladen. Danach zieht er sich in das Hotel „Mayflower“ in New York City zurück und wartet. Sein Verleger Fritz Landshoff besucht ihn und überredet ihn zu einer Europareise, die am 24. Mai beginnen soll.

Am Morgen des 22. Mai erhängt sich Ernst Toller im Badezimmer seines Hotelzimmers. Als er gefunden wird, ist sein Tisch bedeckt von Fotos abgemagerter spanischer Kinder. Am selben Tag besucht der nicht immer taktsichere Arnold Zweig Fritz Landshoff und fragt ihn: „Was sagen Sie zu Toller?“ „Ja, ja, der war ja gestern noch hier,“ antwortet Landshoff, „bald fahren wir noch einmal nach Europa.“ Zweig erschüttert Landshoff mit der Mitteilung: „Aber wissen Sie denn nicht, dass sich Toller heute Mittag in seinem Zimmer erhängt hat?“

Goebbels langer Arm, aber vor allem die Gleichgültigkeit vieler ehemaliger Mitstreiter haben Ernst Tollers Lebensmut gebrochen. Da er keine Kraft mehr hatte zu träumen, hatte er auch keine Kraft mehr zu leben. Anlässlich der Trauerfeier für Ernst Toller sprechen seine Freunde, der USAmerikanische Romancier Sinclair Lewis, sein alter Mitstreiter aus Münchener Rätetagen, Oskar Maria Graf und Klaus Mann, der eine Trauer-Adresse seines Vaters Thomas verliest. Am selben Tag stirbt in einem Pariser Armenhospital der große Erzähler Joseph Roth, den die Nachricht von Tollers Tod im Suff getroffen hatte, an den Folgen einer Lungenentzündung und einem brutalen Alkoholentzug. Auch er ein Opfer der auskrakenden Verfolgung.

Im Vorwort zu seiner Autobiographie „Eine Jugend in Deutschland“, das er ausgerechnet am 10. Mai 1933 an seinen Verleger Fritz Landshoff geschickt hat, schreibt Ernst Toller Worte, die bis heute gültig sind: „Um gerecht zu sein, darf man nicht vergessen. Wenn das Joch der Barbarei drückt, muss man kämpfen und darf nicht schweigen. Wer in solcher Zeit schweigt, verrät seine menschliche Sendung.“

 
Geschmückte GedenkplatteFoto: lopo

Geschmückte Gedenkplatte

Wie schon in den Vergangenen Jahren gestalteten Schülerinnen und Schüler der Tellkampfschule das Programm zur Erinnerung an die Bücherverbrennung. Sie lasen Texte verbrannter Autor*innen und schmückten den Gedenkstein an der Geibelbastion mit weißen Rosen, Gemeinsam mit allen Anwesenden sangen sie zum Abschluss das Lied „Die Gedanken sind frei“.


Fotos:
Ernst Toller vor Gericht | Foto: Archiv der sozialen Demokratie
Geschmückte Gedenkplatte | Foto: lopo