Kaiserwetter in der Südstadt

Stephan Weil
 

Damit war kaum zu rechnen: als Stephan Weil am 5. August pünktlich um 19.30 Uhr die Schankwirtschaft Högers betrat, um dort aus Karl Jakob Hirschs fulminanten Hannover-Roman „Kaiserwetter“ zu lesen, war das Oberstübchen des Lokals bis auf den letzten Platz gefüllt. Erstaunlich für einen Freitagabend, an dem das Maschseefest lockte und der deutsche Fußballmeister Borussia Dortmund das Bundesligaauftaktspiel absolvierte.

50 lokalhistorisch interessierte Freundinnen und Freunde der Literatur wurden nicht enttäuscht, denn Hannovers Oberbürgermeister hatte eine gute Auswahl aus Hirschs Roman getroffen, in denen das Proletariat und die „feine“ Gesellschaft ebenso vorkamen wie der Kaiser und in denen die Enge und Engstirnigkeit jener Kaiserwetterzeit bedrückend deutlich wurde. Nachdem Bezirksbürgermeister Lothar Pollähne den fast vergessenen Hannöverschen Autor Karl Jakob Hirsch vorgestellt hatte, öffnete Stephan Weil sein Leseexemplar und beleuchtete zunächst das Drum und Dran der Geburt des Sohnes von Briefträger Tölle. Danach wandte er sich vor der Pause noch den akribischen Bemühungen des Rechtsanwalts de Vries zu, seiner Majestät unterwürfig zu gefallen. Nach der Pause las Stephan Weil jenes Kapitel aus dem „Kaiserwetter“ zu, das sich dem Hannöverschen Skandalereignis des 20. Jahrhunderts widmet, dem Haarmann-Prozess. Weil garnierte seine Lesung mit historischen Fußnoten und aktuellen Anmerkungen und wurde nach gut einer Stunde mit anhaltenden Applaus verabschiedet.

lopo

Karl Jakob Hirschs „Kaiserwetter“ wird zurzeit als Fortsetzungsroman in der HAZ abgedruckt. Die Neuauflage ist im Hannoverschen JMB Verlag erschienen und kostet 16,95 €.

Karl Jakob Hirsch

Biographische Anmerkungen von Lothar Pollähne

Nein, kaum jemand kennt Karl Jakob Hirsch. Dabei ist er neben Gerrit Engelke, Karl Henckell und Friedrich Georg Jünger, die mit Hirsch das Schicksal des Vergessenwerdens teilen und neben Karl Krolow, Kurt Schwitters und Frank Wedekind der wohl wichtigste, in Hannover geborene Literat. Seine Herkunft und die sogenannten Zeitläufte haben Karl Jakob Hirsch wenige Chancen gegeben, sein immenses künstlerisches Talent erfolgreich ausleben zu können.

Geboren wird Karl Jakob Hirsch am 13. November 1892, einem „rauhen, nebligen norddeutschen Tage“, wie er später selbst bekundet. Sein Vater Salomon Hirsch, Enkel des Rabbiners Samson Raphael Hirsch, ist ein stadtbekannter HNO-Arzt. Karl Jakob wächst zunächst in der Herschelstraße auf. 1896 zieht die Familie in die Stiftstraße und 1905 in die Prinzenstraße. Karl Jakob Hirsch, den seine Mutter despektierlich „Lieschen“ nennt, ist ein ständig kränkelnder Knabe. Er selbst sagt von sich: „Ich war ein verwöhnter Sohn, schwächlich, kurzsichtig, kurzum ein durchaus lebensuntüchtiger junger Mann“. Das ist nicht ganz Ernst zu nehmen, denn mit Hilfe seines Vaters gelingt es ihm ein um‘s andere Mal, der nicht sonderlich geliebten Schule mittels Attest zu entfliehen. „Schon die kleinste Erkältung konnte eine Komplikation in sich bergen. So dachte mein Vater“. schreibt Hirsch rückblickend. Diesen dauerhaft kränkelnden Zustand, dieses November-Phlegma teilt Hirsch übrigens mit Karl Krolow, der in seiner Kindheit auch ständig unpäßlich war.

Früh erkennen die Eltern Karl Jakobs künstlerische Neigungen und fördern den Knaben. Er erhält Klavierunterricht und erfreut seine Eltern mit erstaunlichen Leistungen am Klavier. In der Schule fällt er nämlich vor allem durch „häufiges Schwätzen“ auf. Eine Teilamputation des rechten Zeigefingers bereitet seiner musikalischen Karriere ein jähes Ende.

1909 verläßt Karl Jakob Hirsch das Lyceum II, die heutige Goetheschule, ohne Abschluß und beschließt Maler zu werden. Zunächst besucht er in Hannover die Kunstgewerbeschule, dann schicken ihn die Eltern zur Großmutter nach München, wo er an der Kunstschule des Wilhelm von Debschütz studiert. Es ist ein relativ kurzer Studienaufenthalt, denn schon 1911 kehrt Karl Jakob Hirsch nach Hannover zurück, um noch im selben Jahr in die Künstlerkolonie Worpswede zu übersiedeln. Hirsch muß Hummeln im Hintern gehabt haben, denn 1912 zieht er nach Paris und nach anderen Zwischenstationen 1915 nach Berlin.

Trotz seiner schwächlichen Konstitution wird Karl Jakob Hirsch 1916 zum Kriegsdienst verpflichtet. Nach der Novemberrevolution wird er in Berlin Mitbegründer des „Rates geistiger Arbeiter“ und der revolutionären Künstlergemeinschaft „Novembergruppe“. Hirsch lernt Karl Liebknecht und Eugen Leviné kennen und engagiert sich in sozialistischen Zirkeln. Für Franz Pfempferts Zeitschrift „Die Aktion“ fertigt Karl Jakob Hirsch Graphiken an. Nebenbei entwirft und baut er Bühnenbilder für die Volksbühne.

Mitte der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts findet Karl Jakob Hirsch endlich zur Schreiberei. Er reist viel, vor allem nach Frankreich und Italien und verfaßt Reise- berichte, Feuilletons und Erzählungen, die in vielen deutschen Zeitungen gedruckt werden. Am 18. Juni 1931 erscheint auf der Titelseite der „Frankfurter Zeitung“ das Kapitel „Hohenzollernwetter“, das, wie es im Blatte heißt, in einem „demnächst fertiggestellten Roman“ erscheinen soll. Mehrere Verlage balgen sich um die Rechte; der S. Fischer Verlag bekommt den Zuschlag. Samuel Fischer soll, nach er das eingesandte Manuskript gelesen hat, gesagt haben. „... das ist das beste Deutsch, das ich seit Fontane gelesen haben“. Das Buch wird für damalige Zeiten ein Bestseller.

Karl Jakob Hirsch schreibt weiter und schreibt und schreibt, auch an einer Fortsetzung von „Kaiserwetter“. Dann bekommen die Nazis die Macht in Deutschland übertragen und verbrennen gleich zu Beginn ihrer Herrschaft Bücher. „Kaiserwetter“ von Karl Jakob Hirsch steht auf der ersten Liste der auszumerzenden Bücher.

Im Dezember 1934 flieht Karl Jakob Hirsch über Dänemark und die Schweiz in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo er in New York City Schriftleiter der deutschsprachigen „Neuen Volkszeitung“ wird. Auch im Exil schreibt er Romane Reportagen und Erzählungen. Für die Schublade, denn es fehlt ihm, wie vielen anderen deutschen Exil-Literaten das Publikum. Zeitweise muß Karl Jakob Hirsch, Ironie der Geschichte, als Anstreicher arbeiten.
1942 verdingt er sich als Übersetzer bei der USAmerikanischen Briefzensurbehörde und wird US-Bürger. Anfang 1945 konvertiert Karl Jakob Hirsch zum Protestantismus. Im September desselben Jahres kehrt er nach Deutschland zurück, in der Hoffnung, an seine Erfolge aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts anknüpfen zu können. Erfolglos versucht er, seinen Bestseller „Kaiserwetter“ neu herauszubringen. Damit scheitert er ebenso, wie mit vielen anderen Schreibarbeiten. Nach seinem Tod erscheint 1953 im „Verlag der Nation“ in der DDR sein Erfolgsroman mit dem nichtssagenden Titel „Damals in Deutschland“.

In der Bundesrepublik gerät Karl Jakob Hirsch, wie so viele andere Zurückgekehrte, aber niemals Heimgekommene in Vergessenheit. Erst 1971 erscheint „Kaiserwetter“ in der von Peter Härtling im S. Fischer Verlag herausgegebenen Reihe „Fischernetz“. Danach wird Karl Jakob Hirsch wieder vergessen“. 1992 veröffentlicht Swantje Hanck „Kaiserwetter“ im Postscriptum Verlag in Hannover. Nur wenige Menschen nehmen von dieser literarischen Ausgrabung Kenntnis. Anfang dieses Jahres nun ist „Kaiserwetter“ wieder erschienen im JMB Verlag in Hannover. Seit einigen Wochen ist „Kaiserwetter“ als Fortsetzungsroman in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung zu lesen. Damit ist Karl Jakob Hirsch, seiner literarischen und historischen Bedeutung entsprechend , endlich wieder in Hannover angekommen, wo ihm der nicht ganz unbekannte Kritiker Johann Frerking vor 80 Jahren im Hannoverschen Kurier entgegenschleuderte: „ Es ist auch nicht ganz sauber , wenn der Verfasser allerprivateste Reminiszenzen aus unfroher Jugendzeit hier öffentlich abzureagieren versucht, indem er alle unbeherrschte Albernheit des einzelnen der bösen Zeit in die Schuhe schiebt“. Diese Diktum war schon schlimm genug, Frerking Nachklapp nachgerade bösartig: „ Dies Sabbern am Sumpf ist kein angenehmes Geräusch, und es ist nicht nötig, dem Verfasser dabei Gesellschaft zu leisten“.

Frerkings fatale Fehleinschätzung ist ebenso Geschichte wie Karl Jakob Hirschs phänomenales „Kaiserwetter“, aus dem nun Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil lesen wird. Viel Spaß dabei und vielen Dank an das Högers für die Gastfreundschaft.