"Das Blutige Rot der Scheiterhaufen ist immergrün." - Rede von Bezirksbürgermeister Lothar Pollähne zum Jahrestag der Bücherverbrennung.

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Meine Damen und Herren,
liebe Schülerinnen und Schüler der Käthe-Kollwitz-Schule,

seit es Bücher gibt, haben Machthaber jedweder Couleur versucht, die in diesen Büchern niedergelegten Gedanken dadurch zu vernichten, dass sie die Bücher verbrennen ließen. Sie waren jeweils nur kurzzeitig erfolgreich. Wenn sie merkten, dass sich Gedanken so nicht vernichten lassen, haben sie deren Urheber vernichtet:

 

im „Alten Rom“, im inquisitorisch formierten Spanien und schließlich mit brutaler Akkuratesse in Nazi-Deutschland.

Vor wenigen Tagen ist in Deutschland an die Befreiung der Konzentrationslager erinnert worden, in denen die Urheberinnen und Urheber und die Leserinnen und Leser verbrannt wurden, deren Bücher gestern vor 82 Jahren wenige Meter von hier entfernt an der Bismarck-Säule auf den Scheiterhaufen des pervertierten deutschen Geistes geworfen wurden.

Die dort Hand an die Kultur legten, waren mitnichten marodierende, faschistisch angeimpfte Wutbürger, sondern junge Menschen, die die Elite des gerade angebrochenen Reiches bilden sollten, die während der folgenden tausendjährigen Schreckenszeit ihr kultur- und menschenfeindliches Hoheitsgebaren vollzogen und die nach der Zerschlagung Nazideutschlands nahezu bruchlos in die Schaltzentralen der Bundesrepublik Deutschland übernommen wurden, wo sie unter demokratischen Vorzeichen weiterhin Unheil anrichten durften. Zu Recht hat Bertolt Brecht nach der Zerschlagung geschrieben: „Der Leib ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“.

Am 10. Mai 1933, wenige Wochen nachdem der Brandgeruch des Reichstages Deutschland überzogen hatte, nahmen in Hannover Studierende der Hochschulen und etliche ihrer akademischen Einpeitscher Fackeln in die Hand und entzündeten Scheiterhaufen, die sie aus den Produkten des vermeintlich undeutschen Geistes aufgeschichtet hatten. Deren Urheberinnen und Urheber, soweit sie aus Hannover stammten oder eine Zeit lang in Hannover wirkten, sind zum Teil vergessen oder erst sehr spät und zumeist nicht als Geste der Anerkennung ihrer Arbeit, sondern eher pflichtschuldig wiederentdeckt worden.

Die gebürtige Wienerin Vicki Baum, deren bekanntester Roman „Menschen im Hotel“ in Hollywood mit Greta Garbo in der Hauptrolle verfilmt wurde, zog 1932 mit ihrer Familie  in die USA. Im Nachkriegsdeutschland war sie noch einige Jahre lang bekannt.

Der Hannoveraner Karl Jakob Hirsch, der den Hannöverschen Jahrhundertroman „Kaiserwetter“ geschrieben hatte, floh 1934 über Dänemark in die USA und wurde nach dem Kriege vergessen.

Der in Springe geborene Kulturkritiker Herbert Ihering versuchte als Dramaturg und Drehbuchschreiber die Nazijahre zu überstehen und geriet nach dem Krieg in Vergessenheit, wohl auch, weil er in der DDR seinen Arbeits- und Lebensschwerpunkt nahm.

Der in Hannover geborene philosophische Querdenker Theodor Lessing, der Hindenburg schon 1925 weitsichtig als Wegbereiter der Katastrophe gebranntmarkt hatte, wurde im August 1933 im tschechischen Marienbad von gedungenen Nazischergen ermordet.

Erich Maria Remarque, den die Nazis schon zum Ende der so genannten „Goldenen Zwanziger Jahre“ mit Hass überzogen hatten, floh in die USA. Sein Antikriegs-Roman „Im Westen nichts Neues“ ist bis heute ein Klassiker der demokratischen Literatur.

Joachim Ringelnatz, der scharfsinnige Großspötter und Chronist kleinbürgerlicher Einfältigkeit, starb nahezu unbemerkt 1934 in Berlin. Mit seiner Kunstfigur Kutteldaddeldu ist er dem Vergessen entronnen.

Der Ur-Hannoveraner Merz-Künstler Kurt Schwitters musste zwei Mal vor den Nazis flüchten: zunächst nach Norwegen und dann vor den anrückenden Nazi-Armeen nach England, wo er 1948 in der Nähe von London starb. Es dauerte zig Jahre, bis sich in in Hannover jemand dieses großen Sohnes der Stadt und seines epochalen Werkes erinnerte.

Carl Sternheim, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit seinen antiwilhelminischen Schauspielen auf Europas Bühnen Erfolge feierte, starb 1942 in Brüssel und wurde vergessen.

Gleiches gilt für seinen zeitweiligen Schwiegervater Frank Wedekind, der mit seinen, die verlogenen Moralvorstellungen bloßstellenden Schauspielen für Skandale sorgte. Er starb bereits 1918 in München.

Zwei Autoren habe ich noch nicht genannt. Sie sind wenige hundert Meter von hier entfernt auf dem Stadtfriedhof Engesohde begraben. Der eine ist Gustav Noske, der sich als sozialdemokratischer Reichsinnenminister der Weimarer Republik einen eher zweifelhaften Ruf als „Bluthund“ erworben hat. Sein Buch über den Matrosenaufstand in Kiel landete ebenso auf dem Scheiterhaufen der Nazis wie die Werke von Albrecht Schaeffer, der der Stadt Hannover mit seinem umfangreichen Roman Helianth ein leider in Vergessenheit geratenes Denkmal gesetzt hat. Noske überlebte, geduldet, überwacht und schließlich im KZ inhaftiert in Deutschland. Schaeffer floh mit seiner Familie in die USA und überlebte Dank der finanziellen Unterstützung seines Bewunderers Thomas Mann. Noske starb 1946 in Hannover, Schaeffer nach der Rückkehr aus dem Exil 1950 in München.

Meine Damen und Herren,
liebe Schülerinnen und Schüler,

„eine Gedenkstunde soll eine Gedächtnisübung sein“, hat Erich Kästner in einer seiner Reden zum 25. Jahrestag der Bücherverbrennung gesagt: Seine Worte vor dem deutschen PEN-Zentrum sind heute so aktuell wie 1958 und Kästner wusste, wovon er sprach, als er sagte „Das blutige Rot der Scheiterhaufen ist immergrün.“ Als Joseph Goebbels am 10. Mai 1933 auf dem Berliner Opernplatz Erich Kästners Bücher auf den Scheiterhaufen warf, war der Autor persönlich anwesend. „Ich habe Gefährlicheres erlebt, Tödlicheres - aber Gemeineres nicht“, erklärte Erich Kästner 1958. Da konnte er kaum erahnen, was ihm wenige Jahre später widerfahren würde

Am Erntedanktag des Jahres 1965 wurde die Ausgeburt des fruchtbaren Leibes in neuem Gewande aktiv. 25 Mitglieder des Evangelischen Jugendbundes für Entschiedenes Christentum verbrannten auf den Düsseldorfer Rheinweisen Romanhefte, Kinoplakate, die „Blechtrommel“ von Günter Grass, Vladimir Nabokovs „Lolita“ und Erich Kästners Gedichtband „Herz auf Taille“. Dazu sangen sie: „Wir jungen Christen tragen ins dunkle deutsche Land ein Licht in schweren Tagen als Fackel in der Hand. Wir wollen Königsboten sein des Herren Jesu Christ, der frohen Botschaft heller Schein uns Weg und Auftrag ist.“

Erschreckend an diesem Ereignis war neben der geschichtsvergessenen Dreistigkeit der jungen Leute die Tatsache, dass die Düsseldorfer Stadtverwaltung die Bücherverbrennung mit der Auflage genehmigt hatte, geeignete Maßnahmen gegen eventuellen Funkenflug vorzusehen. Düsseldorfs Oberbürgermeister, ein Sozialdemokrat, verharmloste die Bücherverbrennung auf Nachfrage als „Dummenjungenstreich“. Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Otto Dibelius, äußerte gar unumwunden im Nachrichtenmagazin SPIEGEL seine Wertschätzung der Düsseldorfer Bücherverbrennung mit den Worten: „Mir persönlich ist es wichtig, dass auf diese Weise ein kleines Protestzeichen gegen eine gewisse Literatur deutlich geworden ist, mit der wir heute überschwemmt werden.“

Meine Damen und Herren,
liebe Schülerinnen und Schüler,

mein letztes Wort an diesem Tag stammt, wie könnte es anders sein, vom hellsichtigen Erich Kästner. „Mit solchen Methoden kann man zwar ein Volk vernichten, Bücher aber nicht. Sie sterben nur eines natürlichen Todes. Sie sterben, wenn ihre Zeit erfüllt ist. Man kann von ihrem Lebensfaden nicht eine Minute abschneiden, abreißen oder absengen. Bücher, das wissen wir nun, kann man nicht verbrennen.“  Das ist heute so gültig wie damals.

Meine Damen und Herren,

ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und bin nun ganz gespannt, wie sich die Schülerinnen und Schüler der Klasse10a der Käthe-Kollwitz-Schule mit dem Thema Bücherverbrennung auseinandergesetzt haben.