Pionier des Sozialstaats | Zum Tode von Helmut Rohde | Von Lothar Pollähne

Helmut Rohde, Foto: lopoFoto: lopo
 

Gäbe es eine idealtypische sozialdemokratische Biografie, sie müsste etwa so aussehen: Der Großvater war schon zu wilhelminischer Zeit überzeugter Sozialdemokrat, der Vater war für die USPD Vertrauensmann revolutionärer Werftarbeiter. Der Sohn wird in einem Arbeiter-Stadtteil geboren, besucht die Volksschule und darf, guter Leistungen wegen, ohne Schulgeld die Mittelschule besuchen.

 

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs macht er eine Lehre und ein Volontariat, studiert an der Hochschule für Arbeit, Wirtschaft und Politik. Er wird in den Bundestag gewählt, zum parlamentarischen Staatssekretär ernannt und avanciert schließlich zum Bundesminister.

Diese Aufstiegskarriere hat es tatsächlich gegeben. Es ist die Karriere von Helmut Rohde. Der wird am 9. November 1925 in der sozialdemokratischen Hochburg Hannover-Linden geboren. Vater August, ein Schweißer, war tatsächlich Vertrauensmann der revolutionären U-Boot-Arbeiter in Kiel. Nach Krieg und Gefangenschaft kehrt Helmut Rohde 1945 nach Hannover zurück und tritt der SPD bei. Er absolviert ein kurzes Praktikum als Mitarbeiter von Fritz Heine in der Pressestelle des Parteivorstands, volontiert danach beim Deutschen Pressedienst und wird schließlich Hannover-Redakteur der Deutschen Presse-Agentur.

1950 beginnt Helmut Rohde ein Studium der Politik- und Wirtschaftswissenschaften. Zu seinen Lehrern zählt Wolfgang Abendroth. 1953 engagiert ihn der Niedersächsische Sozialminister Heinrich Albertz als Pressereferenten. Das beeinflusst seine politische Orientierung nachhaltig. Helmut Rohde widmet sich fortan hauptsächlich der Sozialpolitik. 1957 zieht der geborene und gelernte Sozialdemokrat über die niedersächsische Landesliste zum ersten Mal in den Deutschen Bundestag ein. Von 1964 bis zur Bundestagswahl 1965 vertritt Helmut Rohde die SPD im Europäischen Parlament. Danach erringt er das Direktmandat im prestigeträchtigen Wahlkreis Hannover II, das vor ihm Kurt Schumacher und Erich Ollenhauer inne hatten.

Im ersten Kabinett Willy Brandts, in dessen Mitarbeiterstab er als Redenschreiber Erfahrungen gesammelt hatte, wird Helmut Rohde zum Parlamentarischen Staatssekretär von Arbeitsminister Walter Arendt ernannt. Seine Arbeitsschwerpunkte setzt er in den Bereichen „Berufliche Bildung“ und „Humanisierung der Arbeitswelt“. Nach dem historischen Wahlsieg der SPD, bei dem er sein Direktmandat mit 59,8 % verteidigen kann, wird Helmut Rohde als Parlamentarischer Staatssekretär bestätigt. Im Oktober 1973 wählen ihn die Delegierten des ersten AfA-Bundeskongresses zu ihrem Vorsitzenden. Das versteht als Aufforderung, „der erste Vertrauensmann der sozialdemokratischen Arbeitnehmer“ zu sein. Bis 1984 bleibt Helmut Rohde AfA-Vorsitzender.

1974 beruft Helmut Schmidt den Sozialexperten Helmut Rohde zum Bundesminister für Bildung und Wissenschaft. Auch in dieser Funktion bleibt Rohde seiner Maxime treu, „erster Vertrauensmann“ der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu sein. In seine Amtszeit fallen die Verabschiedung des Ausbildungsplatzförderungsgesetzes, die soziale Sicherung des BaFÖG, die Verabschiedung des Hochschulrahmengesetzes und der Abbau des „Numerus Clausus“. Nach der Kabinettsumbildung im Februar 1978 verzichtet Helmut Rohde auf sein Ministeramt, um sich verstärkt seinen Aufgaben als AfA-Vorsitzender widmen zu können. Auf Helmut Rohdes Initiative geht die noch heute bedenkenswerte Anregung zurück, eine „Maschinensteuer“ zur sozialen Steuerung der Rationalisierungsfolgen einzuführen. Arbeitgeber hätten nach diesem Vorschlag Beiträge aus Rationalisierungsgewinnen in die Sozialversicherung einzahlen sollen.

Nach 30 Jahren Parlamentszugehörigkeit verzichtete Helmut Rohde 1987 auf eine weitere Kandidatur. Seine Nachfolgerin wird die heutige Bundestags-Vizepräsidentin Edelgard Bulmahn. Sie folgt Rohde nicht nur als Abgeordnete sondern von 1998 - 2005 als Bundesbildungsministerin. Nach seinem Rückzug aus der aktiven Politik widmet sich der Arbeiterjunge Helmut Rohde der Arbeiterbildung, als Lehrbeauftragter an der Sozialakademie in Dortmund und den Universitäten in Bochum und Hannover. 1994 ernennt die Universität Bremen Helmut Rohde zum Honorarprofessor. Der „erste Vertrauensmann der sozialdemokratischen Arbeitnehmer“, den Herbert Wehner einmal als „Architekt und Pionier des Sozialstaats“ bezeichnet hat, ist am 16. April 2016 in seiner Geburtsstadt Hannover gestorben. Die Sozialdemokratie verneigt sich und dankt.

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