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Staatliches Museum Auschwitz Birkenau Foto: Jan de Vries

28. Januar 2021: Staatliches Museum Auschwitz Birkenau - Ein Erfahrungsbericht

Diese Erfahrungen basieren auf meinem Besuch der Gedenkstätte Auschwitz mit einem Wahlbereich (ähnlich einer AG) meiner Schule. Ich bin das erste Mal im Jahr 2019 mitgefahren und 2020 war leider das letzte Mal. Wer sich genauer für den Wahlbereich interessiert, findet unten einige Worte von mir dazu. Ich bin sehr dankbar für die Möglichkeit, diese Erfahrung gemacht zu haben und hoffe, andere Schulen bemühen sich ebenso die Erinnerungskultur am Leben zu halten.

Unspektakulär, das war das Erste, was ich dachte, als ich zum zweiten Mal in dem großen Reisebus auf den Parkplatz der Gedenkstätte Auschwitz gefahren bin. Ein Parkplatz wie jeder andere, ohne eine besondere Eigenschaft oder ein besonderes Merkmal. Lediglich das Wort, der Name „Auschwitz“ war stark, was man alles so gesehen hatte, was man gehört hatte und schon die bloßen Zahlen war unbeschreiblich, unbeschreiblich grausam. Wie sollte man so einen Ort verarbeiten, wie geht man damit um das an diesem Ort, an dem man einfach so steht, ohne Not, ohne Angst, so viele Menschen brutal getötet wurden? Wie geht man mit dem Schriftzug um, der für viele Menschen den Eingang in die Wahrhaftigkeit gewordene Hölle markiert?

„Arbeit macht frei“

Zynisch erlöste doch der Tod die meisten Menschen vor den Qualen der „Arbeit“. Man könnte meinen, es wäre zum Heulen, an diesem Ort zu sein. Aber war es nicht. Dieser Ausflug machte keinen Spaß und er war schwierig, nicht körperlich, für meine Seele, tat sie doch weh wie selten zuvor.

Wir gingen den Hauptweg entlang, hin zu den Baracken, die heute als Ausstellung dienen. Projektionen, Tafeln, Fotos und Schriften und Modelle wurden ausgestellt. Das Hab und Gut der Opfer, sogar ihre Haare wurden ihnen genommen. Gesammelt, vertickt an den Meistbietenden. Es lief mir eiskalt den Rücken runter. Der Weg durch den Ausstellungsteil war schwer, es war fast mühselig, so viel Wissen, so viel Leid und so viel Trauer prasseln auf einen hinab, wie sie keine Gedenkveranstaltung, kein Buch und kein Erfahrungsbericht in mir auslösen konnten. Es fühlte sich schon nahezu falsch an, es war zu viel, um wirklich traurig zu sein. Es war zu viel, um das alles an sich ran zu lassen. Es war das Leid der schwächsten, das mich zurückholte, es war der Gedanke an jene, die sich am wenigsten wehren konnten. Kinderzeichnungen an den Wänden Sie zeigten eindrucksvoll, wie wenig Kinder sich unterscheiden. Wie sie damals im größten Leid ebenso zeichneten und malten wie Kinder heute. Sie brachten mich mal wieder zum Schlucken. Ich musste mich zwingen, stark zu bleiben, um den Rest des Tages zu ertragen. Von da an wurde es nur noch schwerer für mich. Der Ganze weg durch die Ausstellung war schwer, die Beine begannen wehzutun und der Austausch mit den anderen verstummte fast nahezu.

Bis es mir völlig die Sprache verschlug, Bilder in meinem Kopf. Fernsehen, ZDF, Merkel, Steinmeier, Macron, Maas und sogar der Papst sie alle standen an dieser Stelle, an der ich jetzt stand im Durchgang zwischen Block 10 und Block 11. Vor mir kleiner als man denkt „die schwarze Wand“. Tränen schossen mir in die Augen und ich kämpfte damit, sie zurückzuhalten, selbst wenn sie okay waren. Eine Hand, die meine Schulter berührte und ein Moment der Stille. Bilder, Menschen, ausgehungert von Kapos begleitet, wie sie durch Block 11 gehen und warten mussten, auf den sicheren Tod. Ohne entkommen, ohne einen Rückweg, man verließ Block 11 an der Seite und kehrte nie wieder zurück. Erschossen, kaltblütig und ohne einmal mit der Wimper zu zucken. Heute? Blumen, Ausdruck von Trauer, Ausdruck von Mitgefühl und Menschlichkeit. Etwas, das die Nazis für Menschen, die nicht in ihre Ideologie passten, nicht übrighatten.

Einige Minuten stand ich da, meine Hände gefaltet und in Gedanken bei dem, was geschehen war und was nur noch in unserer Erinnerung weiterlebt. Ich musste mich beeilen, meine Gruppe einzuholen und wir gingen die langen Wege entlang der Zäune und Baracken hin zum Ende des ersten Teils der Führung dem Krematorium. Es markiert das Ende der Führung durch Auschwitz 1, grausam, klein, dunkel, einfach traurig. Bedrückend, aber es berührte mich kaum, es war nicht möglich, sich vorzustellen, wie Menschen hier verbrannten, wie jene, die so brutal ermordet worden waren, hier beseitigt wurden. Es waren wenige Auschwitz 1 war der humanere Teil der vollen Grausamkeit. Weiter ging es jetzt mit dem Bus nach „Auschwitz II".

„Vernichtungslager Birkenau“

Nach wenigen Kilometern parkte der Bus erneut. Der Weg ist nicht weit, aber er tat weh, ganz gleich, dass ich wusste, was mich erwartet, was ich sehen und erleben werde, es bedrückte mich. Das Tor, die Schienen wie auf den Bildern, die man regelmäßig sieht und doch wirkte es fremd. Ohne Anhaltspunkt, mein Gehirn arbeitete es versuchte Bilder zusammenzufügen, es versuchte das, was ich vor mir sah und das, was ich nur aus Videos kannte, zu verbinden. Unmöglich wie beim ersten Mal reichte meine Vorstellung nicht aus. Es war alles irgendwie friedlich, so ganz anders als auf den Videos und Bildern. Besucher Gruppen, die ganz unbeschwert durch das Tor und über die schienen, gingen Jugendliche, Kinder und Erwachsene. Frei von jedem Zwang mit der Gewissheit, dass sie in wenigen Stunden dieses Gelände wieder verlassen würden.

Wir sammelten uns, die Führung ging weiter. Der Wind Pfiff uns um die Ohren und wir mussten genau hinhören, damit wird die Dame, die uns anleitete, verstehen konnten. Wir sammelten uns auf dem großen Platz an den schienen. Hier wurde sortiert, kranke und zu Schwache wurden von Arbeitsfähigen getrennt. Hier entschiedene Mengele, Wirth und Co. Wer sofort und wer später dem Gas zum Opfer fiel. Unbeschreiblich und nahezu unvorstellbar, wenn man dort steht. Rechts kaum noch zu begreifen Hunderte Baracken, etwas weiter hinten, die Krematorien, der wohl dunkelste Ort deutscher Geschichte. Ca. Eine Millionen Menschen wurden in den heutigen Ruinen der Krematorien vergast und direkt verbrannt, nicht ohne ihnen alles zu nehmen, was ihnen blieb, nicht nur ihr Gepäck bei der Ankunft, alles was sie am Leibe trugen. Bis der Erstickungstod diese Menschen einholte. Alles wurde in „Kanada“ verwertet und zu großen Haufen aufgeschüttet. Gold, Silber, Schmuck, Zähne, Haare, Kleidung, nichts blieb unberührt. Heute? Pflastersteine, Beton und 27 Metallplatten die an das Erinnern, was bis vor 76 Jahren hier passierte.

„Dieser Ort sei alle Zeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit. Hier Ermordeten die Nazis etwa anderthalb Millionen Männer, Frauen und Kinder. Die meisten waren Juden aus verschiedenen Ländern Europas.“

Auschwitz-Birkenau

1940- 1945

Das steht in 27 verschiedenen Sprachen auf den Gedenktafeln aus Metall, vor denen ich jetzt stand. Der Blick nach unten gerichtet und einen Moment des Gedenkens genießend. Die englische, Deutsche und Hebräische Tafel waren voll gelegt mit Rosen, jeder Farbe. Auch viele aus meiner Gruppe legten ihre Rose auf die ein paar Schritte von mir entfernte Tafel in deutscher Sprache. Ich stand einen Meter entfernt von der Tafel, die mir in Englisch das sagte, was ich schon so oft gehört hatte. „Anderthalb Millionen“ Eine Zahl, die sich in der Realität kaum vorzustellen war und doch war sie real. Stand ich hier richtig? Es fühlte sich falsch an, die Tafel auf Englisch zu lesen. Meine Hand zitterte und es lief mir eiskalt den Rücken runter. Diese Tafel bedeutete so viel mehr als die Worte, die auf ihr standen. Ich hob meinen Kopf und ging die wenigen Schritte zur deutschen Tafel. Ich entriss der Rose ein einzelnes Blatt und legte den Rest der Rose nieder, las die Tafel erneut und murmelte die Aufschrift die nächsten Minuten vor mich hin. Wir gingen den langen Weg weiter durch das ehemalige KZ, folgten dem Weg. Vorbei an den Ruinen der Krematorien, Kanada und den Glaskästen, in denen die verbrannten Überreste dessen aufbewahrt wurden, was von dem Hab und Gut der Ermordeten noch übriggeblieben war. Wir gingen über einen Trampelpfad auf dem großen Feld und erreichten.

„Den See“

Ganz in seiner Nähe standen drei Gedenktafeln, die daran erinnerten, was die Nazis im Angesicht nahender Soldaten der Roten Armee taten. Leichen wurden auf offenen Feldern verbrannt. Ihre Asche verteilt in diesem See. Ich stand mit einigen anderen einen Moment davor. Ich ließ das letzte Rosenblatt, was ich in der Hand gehalten hatte, auf die Oberfläche des kleinen Sees fallen und es berührte sanft das Wasser und schwamm oben, bis es irgendwann hinabsinken und verrotten würde. Wir liefen den großen Bogen entlang der Zäune zurück zum Eingang von Auschwitz-Birkenau. Als Abschluss der Führung stand erneut der Turm, jener Turm der allen von uns mehr als nur gut bekannt ist. Der Turm, durch den die Gleise führen, auf denen die Viehwagen Menschen in den nahezu sicheren Tod transportierten. Von oben konnte man fast den gesamten Lagerkomplex überblicken. Fast bis nach Kanada, das am anderen Ende des Lagers seinen Platz hatte. Es war bedrückend, das ganze Ausmaß der Schrecklichkeit erfassen zu können, es war gespenstisch ruhig auf dem Gelände und das, was noch stand, wirkte winzig klein von hier oben.

Hier endet dieser Erfahrungsbericht. Ich möchte aber einiges nicht unerwähnt lassen, das mir noch am Herzen liegt. Dieser Ort „Auschwitz“ ist der emotionalste und bedrückendste Ort, den ich bisher in meinem Leben besucht habe. Es ist ein sehr schwieriger, fast schon erschlagender Ort, ein Ort, an dem die Gefühle kaum steuerbar und rational erklärbar sind. Ich habe Auschwitz I und Auschwitz II-Birkenau bisher zweimal in meinem Leben besucht und habe mir nach dem ersten Mal viele Gedanken gemacht. Dieser Ort hat mich nahezu kalt gelassen, er hat mich emotional kaum berührt und ich wusste nicht, was ich davon halten soll. Es hat mich beschäftigt und verunsichert, wusste ich doch, welche Gräuel sich dort abgespielt hatte.

Nach langen Gesprächen mit Freunden und den Teamern des Wahlbereichs habe ich festgestellt, es war einfach zu viel. Dieser Ort ist mit Informationen, Gefühlen und Trauer vollgestopft bis oben hin. Das ist enorm schwierig zu fassen und die Tragweite der ganzen Gedenkstätte, was sie bedeutet und vor allem was sie für einen persönlich bedeutet, muss einem nicht direkt und vor allem nicht beim ersten Mal bewusst werden. Menschen sind verschieden, es gibt kein richtig oder falsch. Das wichtigste ist Respekt, Respekt vor den Opfern der Nazis, ihren Angehörigen und denen, die heute noch Leben.

Dieser Erfahrungsbericht spiegelt meine Sicht der Dinge wider, er hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Führung und soll noch weniger vorgeben, wann jemand was zu fühlen hat. Dem einen bedeutet der eine Ort mehr, dem anderen eben ein anderer Ort. Ich habe in diesem Bericht, dass zusammengetragen, was ich aus meinen Aufzeichnungen und meinem Gedächtnis bis heute am stärksten in Erinnerung habe. Das ich hier nicht alles im Detail aufzähle sollte nachvollziehbar und logisch sein.

Ich möchte noch eine Frage ansprechen, die mich schon seit Jahren beschäftigt, die sehr kontrovers ist und die in vielerlei Hinsicht zu Diskussionen führen kann. Schuld, als ich durch das Stammlager und das Vernichtungslager gelaufen bin, habe ich Schuld und Scham empfunden. Ich habe mich geschämt neben einer Besuchergruppe aus Israel, die von einem Zeitzeugen begleitet wurde, Deutsch zu sprechen. Ich habe Schuld gegenüber denen empfunden, die von meinen Vorfahren verschleppt und getötet wurden. Wenn die AFD davon schwadroniert, dass man die positiven Aspekte deutscher Geschichte hervorheben muss, empfinde ich Schuld. Ich sehe keine positiven Aspekte in deutscher Geschichte, die man hervorheben sollte, ich sehe eine nicht aufgearbeitete Kolonialzeit, Kriege, Unterdrückung und einen Genozid. Ich sehe Schlachten der Antike, die Varusschlacht und Denkmäler für jene, die wir bis heute ehren. Ich sehe Straßennamen, die in keiner Weise das widerspiegeln, was wir als Nation widerspiegeln sollten. Ich bitte jeden, der das liest, inständig sich Gedanken darüber zu machen, was man in Zukunft verändern muss, wie wir mit unserer Vergangenheit umgehen können und müssen. Wir sind es, die in Zukunft die Geschichten jener weitertragen müssen, die das erlebten, was sich meiner Vorstellung entzieht. Wir haben die Verantwortung, das anzusprechen, was falsch läuft und was nicht sein darf. Die Erinnerungskultur ist der wichtigste Aspekt deutscher Geschichtserzählungen und muss es auch bleiben. Wir erinnern daran, was geschah und was nie wieder geschehen darf. Das tue ich mit diesem Erfahrungsbericht und das tut jeder, der einen Stolperstein putzt oder eine Kerze anzündet. Vergessen wir nicht die Ideologie der Täter, aber Erinnern wir vor allem an die Opfer und ihre Schicksale.


Der Wahlbereich (ähnlich einer AG):

Im Rahmen des Wahlbereichs findet einmal jährlich die Fahrt nach Krakau statt. In diesem Rahmen wird unter anderem das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz I und Auschwitz II (Birkenau) besucht. Aber auch andere geschichtsträchtige Orte in Krakau werden besichtigt z. B. die alte Schindler Fabrik und die Apotheke des ehemaligen Krakauer Gettos. Als „Highlight“ gilt die beschriebene Gedenkfahrt, aber bereits vorher setzen sich die um die 10 Teamer*innen des Wahlbereichs mit dem Nationalsozialismus auseinander. Es wird zum 27.01 eine Ausstellung zu bestimmten Themen vorbereitet und die Vorbereitungsworkshops zur Krakau fahrt organisiert. Während der mehrtägigen Fahrt fungieren die Teamer*innen als Ankerpunkt und Ansprechpartner*innen für aller teilnehmenden.

Jan de Vries

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