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Seit Anfang März 2017 ist der Parkplatz vor dem ehemaligen Bismarckbahnhof nach dem Hannoverschen Kabarettisten Dietrich Kittner benannt.

Dietrich Kittner

Dietrich Kittner Foto: Lothar Pollähne
Dietrich Kittner

Dass Hannover auf der deutschen kabarettistischen Landkarte einen festen Platz hat, verdankt die Landeshauptstadt einem Südstädter: Dietrich Kittner. Geboren wird er als Sohn eines Zahnarztes am 30. Mai 1935 im niederschlesischen Oels. Nach dem Abitur an der Humboldtschule in Hannover geht Kittner zum Jurastudium nach Göttingen und erwirbt sich gewisse Grundkenntnisse für den Beruf, den er während des alsbald abgebrochenen Studiums ergreift: Kabarettist.

Gemeinsam mit seiner Frau Christel und vier weiteren Kabarettist*innen gründet Dietrich Kittner 1959 das „Göttinger Studenten- und Dilettanten-Kabarett ‚Die Leid-Artikler‘“,mit dem er in den folgenden Jahren auf Reisen geht. 1961 meldet Kittner beim Ordnungsamt in Hannover einen „Gewerbebetrieb für politische Satire“ an. Sein erster, noch privater Versuch als Solo-Kabarettist endet 1965 mit einer Festnahme. Aus Protest gegen die gerade im Bundestag verabschiedeten „Einfachen Notstandsgesetze“ hatte Kittner im Café Kröpcke, mit einem NS-Luftschutzhelm und einer Gasmaske verkleidet, protestiert und Ärgernis erregt.

Genau das ist es, was Dietrich Kittner bis an sein Lebensende betreibt: anecken und Klartext reden. Noch mit den „Leid-Artiklern“ eröffnet er 1963 seine erste feste Spielstätte in der Mehlstraße in Hannovers City. 1968, als Christel und Dietrich Kittner nach einer anderen festen Spielstätte suchen, kommt ihnen der linke Zeitgeist zu Gute. Eine Initiative, zu der auch Hannovers langjähriger Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg gehört, veröffentlicht einen Aufruf zur Gründung eines „Club Voltaire“, der noch vor der offiziellen Eröffnung nach dem Attentat auf Rudi Dutschke zum Zentrum der Aktionen gegen die „BILD-Zeitung“ wird. Auch bei den „Rote-Punkt-Aktionen“ gegen die Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Personennahverkehr dient der „Club Voltaire“ 1969 als Aktionszentrum.

Nach einigen Jahren ohne feste Spielstätte — der „Club Voltaire“ wird nach links-internen Querelen im September 1969 geschlossen — eröffnen die Kittners in ihrem Wohnhaus am Bischofsholer Damm das „Theater an der Bult“ (tab). Das ständig ausverkaufte Haus, in dem Dietrich Kittner selbst die Karten abreißt, wird Anziehungspunkt für viele deutsche Kleinkunst- und Kabarett-Größen. Franz-Josef Degenhardt, Dieter Hildebrandt, Hanns-Dieter Hüsch und Georg Kreisler treten im „tab“ ebenso auf wie Gisela May, Hanne Wieder, Bill Ramsey oder Ilja Richter. Am 16. März 1986 fällt im „Theater an der Bult“ der letzte Vorhang, eine Arbeit des Künstlers Guido Zingerl.

Derselbe Vorhang geht am 7. Januar 1987 in den ehemaligen Räumen der „Städtischen Bäder am Küchengarten“ auf. Dietrich Kittner präsentiert in einer Wiederaufnahme „Maden in Germany“. Aus „tab“ wird „tak“, „Theater am Küchengarten“. Ein Radio-Mensch witzelt nach der Eröffnung: „Gab es bisher nur schwer tab-Karten, so hat sich dieser unhaltbare Zustand nach dem Umzug ins neue, fast doppelt so große Haus geändert. Jetzt kriegt man keine Karten fürs tak.“ Da Dietrich Kittner über gute Kontakte in die DDR verfügt, kann das „tak“ zum Zentrum eines kleinen kabarettistischen deutschen Grenzverkehrs werden. Die „Akademixer“, die „Distel“ und die „Pfeffermühle“ treten hier vor ausverkauftem Hause auf.

1993 übergibt Dietrich Kittner die Leitung des „Theater am Küchengarten“ an eine GmbH, bleibt aber der Hauptdarsteller, auch wenn er seit 1991 in Dedenitz in Österreich lebt. Kittners Zusammenarbeit mit dem von ihm ins Leben gerufene „tak“ endet 2007 wegen „unüberbrückbarer künstlerischer und organisatorischer Differenzen“. 2009 wählt der niedersächsische Landtag Dietrich Kittner zum Mitglied der 13. Bundesversammlung, die am 23. Mai in Berlin den Bundespräsidenten kürt.

Neben vielen Schallplatten und CDs mit Aufzeichnungen seiner Kabarett-Programme veröffentlicht Dietrich Kittner etliche Bücher, darunter eines mit dem bezeichnenden Titel „Vorsicht bissiger Mund!“, das er mit der Widmung versieht: „Für Christel, ohne die alles nicht möglich gewesen wäre“. Am 15. Februar 2013 stirbt der „Einzelkämpfer und Partisan“ (Günter Wallraff) in Bad Radkersburg in Österreich.

Dietrich Kittners Grab befindet sich auf dem Engesohder Stadtfriedhof, das — verziert mit einem roten Stern und der Aufschrift „pacem et circenses“ — auch die letzte Ruhestätte seines Sohnes, des Musikers Konrad Kittner („Abstürzende Brieftauben“) und seiner Frau Christel ist. Trotz zweier Anträge des Stadtbezirksrates Südstadt-Bult, ist die Grabstätte Kittner bislang nicht in die Liste der städtischen Ehrengräber aufgenommen worden.

Dietrich Kittner | Foto: lopo


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