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Hinter dem Stephansplatz liegt in Richtung der Hildesheimerstraße, abgehend von der Geibelstraße, die Freiligrathstraße. Sie führt zur Bandelstraße und ist 1905 nach dem Freiheitsdichter Ferdinand Freiligrath benannt worden.

Ferdinand Freiligrath Foto: Ferdinand Freiligrath, porträtiert von J.P. Hasenclever, 1851

Ferdinand Freiligrath

Ferdinand Hermann Freiligrath kommt am 17. Juni 1810 in Detmold in einer Lehrerfamilie zur Welt. Die Mutter und zwei Schwestern sterben früh. 1825 bereist verlässt Freiligrath das Gymnasium in seiner Geburtsstadt und tritt eine kaufmännische Lehrstelle im Handelshaus Schwollmann in Soest an, das den Brüdern seiner Stiefmutter gehört. In diese Zeit fallen 1828 die ersten literarischen Versuche Freiligraths, die „den schönsten Bewohnerinnen Soests“ gewidmet sind. 1832 geht Ferdinand Freiligrath als Korrespondent nach Amsterdam. 1835 erlangt der junge Dichter mit Beiträgen für den von Adalbert von Chamisso und Gustav Schwab herausgegebenen „Deutschen Musenalmanach“ überregionale Aufmerksamkeit. Auch sein erster Gedichtband, der 1838 bei Cotta erscheint, wird vom Publikum wohlwollend aufgenommen. 1839 gibt er mit Karl Simrock und Christian Matzerath das „Rheinische Jahrbuch für Kunst und Poesie“ heraus.

Innerhalb weniger Jahre entwickelt sich Ferdinand Freiligrath zum politischen Dichter. Noch 1842, inzwischen in Darmstadt ansässig, erhält er auf Empfehlung Alexander von Humboldts eine Pension vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV.. Im selben Jahr wird er Mitglied der Loge „Zum wiedererbauten Tempel der Bruderliebe“. Die große Liebe scheint diese Beziehung jedoch nicht zu sein, denn seinen Brüdern gegenüber beklagt sich Freiligrath über die unpolitische Haltung der Freimaurer. 1844 veröffentlicht Ferdinand Freiligrath im Verlag Zabern in Mainz seine Gedichtsammlung „Ein Glaubensbekenntnis“. Mit diesem Buch begründet er seinen Ruf als politischer Dichter. Freiligrath verzichtet hinfort auf die Alimentierung durch den preußischen König und zeiht aus Angst vor politischer Verfolgung nach Brüssel , wo er eine folgenreiche Bekanntschaft macht: er lernt Karl Marx kennen.

Mit seinem Gedichtband „Ca ira“, der als Aufruf zum Umsturz gedacht ist, wird Ferdinand Freiligrath endgültig zum „Trompeter der Revolution“. Die Revolution von 1848 ereilt den Dichter in London, wo er aus finanziellen Gründen als Handelskorrespondent arbeiten muss. Freiligrath zieht nach Düsseldorf und mischt sich wortreich ein in die umstürzlerischen Aktivitäten. Das trägt ihm wegen der Verbreitung seines Gedichts „Die Todten an die Lebenden“ einen Prozess ein. Freiligrath wird freigesprochen und wühlt weiter. Eine Zeit lang ist er Mitherausgeber der „Neuen Rheinischen Zeitung“, mit der Karl Marx und Friedrich Engels der Revolution eine Stimme geben. Außerdem schließt sich Ferdinand Freiligrath dem „Bund der Kommunisten“ an.

Wie auch Marx und Engels muss Ferdinand Freiligrath nach der Niederschlagung der Revolution das „bittere Brot der Emigration“ essen. Er geht 1851 nach London. Im Gegensatz zu Karl Marx, der zeitlebens auf Zuwendungen Dritter angewiesen ist, verdient Freiligrath dort seinen Lebensunterhalt als Kaufmann und Leiter einer Bankfiliale. 1857 nimmt er sogar die britische Staatsbürgerschaft an. Literarisch betätigt sich Freiligrath vor allem als Übersetzer der Werke von Henry Wadsworth Longfellow und Walt Whitman.

Nach dem preußisch-österreichischen Krieg von 1866 kehrt Ferdinand Freiligrath 1968 nach Deutschland zurück. Da er ob seiner antipreußischen Haltung weiterhin Repressalien befürchtet, lässt sich Freiligrath im vergleichsweise liberalen Stuttgart nieder. Seine revolutionäre Begeisterung hat er längst abgelegt. Stattdessen begeistert sich Freiligrath für den deutsch-französischen Krieg und die Reichsgründung von 1871 und verfasst patriotische Gedichte wie „Hurra Germania“. Ferdinand Freiligrath stirbt am 18. März 1876 in Bad Cannstadt im Wirtshaus „Alter Hase“ an Herzversagen. Begraben wird er auf dem Cannstädter Uff-Kirchhof.

Ferdinand Freiligraths wohl bekanntestes Gedicht „Trotz alledem“ ist eine mehrfach variierte Umdichtung eines Werkes von Robert Burns. Der schottische Nationaldichter hatte, inspiriert von den Ideen der französischen Revolution und des in England geborenen amerikanischen Freiheitsdenkers Thomas Paine, „For a` that, an` a` that“ geschrieben, um das Selbstbewusstsein der einfachen Menschen zu stärken. In seinem Gedichtband „Ein Glaubensbekenntnis“ hat Ferdinand Freiligrath dieses Gedicht 1844 zum ersten Mal ins Deutsche übertragen. Die bekannteste, und von vielen Künstlern an heutige politische Verhältnisse angepasste Variation, erschien am 6. Juni 1848 in der „Neuen Rheinischen Zeitung“.

Trotz alledem!

Das war 'ne heiße Märzenzeit,
Trotz Regen, Schnee und alledem!
Nun aber, da es Blüten schneit,
nun ist es kalt, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem –
trotz Wien, Berlin und alledem –
ein schnöder scharfer Winterwind
durchfröstelt uns trotz alledem!

Das ist der Wind der Reaktion
mit Meltau, Reif und alledem!
Das ist die Bourgeoisie am Thron –
der annoch steht, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem –
trotz Blutschuld, Trug und alledem –
er steht noch, und er hudelt uns
wie früher fast, trotz alledem!

Die Waffen, die der Sieg uns gab,
der Sieg des Rechts trotz alledem,
die nimmt man sacht uns wieder ab,
samt Kraut und Lot und alledem,
Trotz alledem und alledem,
trotz Parlament und alledem –
wir werden unsre Büchsen los,
Soldatenwild trotz alledem!

Doch sind wir frisch und wohlgemut
und zagen nicht trotz alledem!
In tiefer Brust des Zornes Glut,
die hält uns warm trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
es gilt uns gleich trotz alledem!
Wir schütteln uns: Ein garst'ger Wind,
doch weiter nichts trotz alledem!

Denn ob der Reichstag sich blamiert
professorhaft, trotz alledem!
Und ob der Teufel reagiert
mit Huf und Horn und alledem –
Trotz alledem und alledem,
trotz Dummheit, List und alledem,
wir wissen doch: die Menschlichkeit
behält den Sieg trotz alledem!

Und ob der Prinz zurück auch kehrt
mit Hurra hoch und alledem –
sein Schwert ist ein gebrochen Schwert,
ein ehrlos Schwert trotz alledem!
Ja doch: trotz all- und alledem,
der Meinung Acht, trotz alledem,
die brach den Degen ihm entzwei
vor Gott und Welt und alledem![2]

So füllt denn nur der Mörser Schlund
mit Eisen, Blei und alledem:
Wir halten aus auf unserm Grund,
wir wanken nicht trotz alledem!
Trotz alledem und alledem,
und macht ihr's gar, trotz alledem,
wie zu Neapel jener Schuft:
Das hilft erst recht, trotz alledem!

Nur was zerfällt, vertretet ihr!
Seid Kasten nur, trotz alledem!
Wir sind das Volk, die Menschheit wir,
sind ewig drum, trotz alledem!
Trotz alledem und alledem:
So kommt denn an, trotz alledem!
Ihr hemmt uns, doch ihr zwingt uns nicht!
Unser die Welt, trotz alledem!


Abbildung: Ferdinand Freiligrath, porträtiert von J.P. Hasenclever, 1851


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