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Ausgehend vom südöstlichen Teil des Bertha-von-Suttner-Platzes führt in südlicher Richtung die Nachtigalstraße bis zur Heinrich-Heine-Straße. Benannt ist sie seit 2010 nach dem Theologen und Volkssagenforscher Johann Karl Christoph Nachtigal. Von 1928 bis zur Neuwidmung war die Straße nach dem Kolonialisten Gustav Nachtigal benannt.

Johann Karl Christoph Nachtigal, Stich von Ludwig Buchhorn ca. 1796 Foto: © Gleimhaus Halberstadt
Johann Karl Christoph Nachtigal, Stich von Ludwig Buchhorn ca. 1796

Johann Karl Christoph Nachtigal

„Johann Karl Christoph Nachtigal war den 25. Februar 1753 zu Halberstadt geboren und der Sohn des Oberpredigers an der dortigen Paulskirche Georg Christian Nachtigal, der mit dem Ruhm eines beliebten Kanzelredners im J. 1774 starb. Den ersten Unterricht verdankte Nachtigal seiner Mutter, einer durch Geist und Herzensgüte gleich ausgezeichneten Frau“. So steht es in Heinrich Dörings Enzyklopädie „Die Gelehrten Theologen Deutschlands im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert“ aus dem Jahr 1832 geschrieben. Die „Allgemeine Deutsche Biographie“ von 1882 nennt ihn als Johann Konrad Christoph Nachtigal.

Im Alter von acht Jahren tritt Nachtigal in die vierte Klasse der Domschule zu Halberstadt ein, wo er Unterricht in Religion und Latein erhält. In der zweiten Klasse kommen als zusätzliche Fächer Hebräisch und das Verfassen von Aufsätzen hinzu. Unter Anleitung des von ihm geschätzten Consistorialraths Christian Gottfried Struensee lernt Johann Karl Christoph Nachtigal schließlich Cicero und Homer kennen und befasst sich mit Rhetorik und Logik. Solchermaßen profund ausgebildet beginnt er 1771 an der Universität Halle ein Studium, das die Fächer Philosophie, Hebräisch, Griechisch und Theologie umfasst. Im Alter von 20 Jahren kehrt Nachtigal als Lehrer an die Domschule zurück, wo er bereits 1778 zum Prorector aufsteigt. Nachtigal beginnt mit der Abfassung von Lehrbüchern über Cicero und Hebräisch. Er arbeitet dabei bis zur Erschöpfung, leidet unter Schlaflosigkeit und Magenkrämpfen und verzichtet aus diesen Gründen darauf, die Nachfolge Struensees als Rector der Domschule anzutreten.

1786 heiratet Johann Karl Christoph Nachtigal Sophie Catharina Braumann und bezieht ein Haus, das er von dem vom ihm sehr geschätzten Dichter und Domsekretär Johann Wilhelm Ludwig Gleim mietet. Durch ihn macht Nachtigal die Bekanntschaft von Johann Bernhard Basedow und Johann Gottfried Herder und beginnt mit ersten literarischen Versuchen und Nachdichtungen aus dem Hebräischen. 1796 gibt Nachtigal die „Gesänge Davids und seiner Zeitgenossen“ heraus. Während einiger Wanderungen durch Thüringen, die Mark Brandenburg und die Umgebung Halberstadt sammelt Johann Karl Christoph Nachtigal „Volcks-Sagen“, die er 1800 unter dem Pseudonym „Otmar“ in Bremen herausgibt. Diese dienen den Brüdern Grimm in vielen Fällen als Referenz. Im selben Jahr wird Nachtigal schließlich doch Direktor der Domschule. 1808 promoviert ihn die Universität Halle zum Doktor der Theologie. Von 1812 bis 1816 agiert Johann Karl Christoph Nachtigal zusätzlich zu seinem Lehrberuf als „Generalsuperientendent des Fürstentums Halberstadt und der Grafschaften Hohenstein und Mansfeld“, was ihn zu einem durchaus wohlhabenden Mann macht. Nachtigal stirbt am 21. Juni 1819 in Halberstadt. „Er hinterließ den Ruhm eines vielseitig gebildeten Gelehrten, dem fast kein Fach des menschlichen Wissens ganz fremd war, und der seinen Werth als Gelehrter durch Humanität und Bescheidenheit erhöhte.“ (Heinrich Döring)

Johann Karl Christoph Nachtigal, Stich von Ludwig Buchhorn ca. 1796, © Gleimhaus Halberstadt

Sage vom Räuber Daneil

Die Sage berichtet vom Räuber Daneil, der hier hauste, Wanderer und Reisende überfiel, ausraubte und tötete. Drähte mit silbernen Glöckchen zeigten ihm seine Opfer an, die er mit dem Pferd schnell erreichte. Um eventuelle Verfolger zu täuschen, hatte er seinem Pferd die Hufeisen verkehrt herum aufgeschlagen.

Einst ging ein Mädchen durch den Wald, das von Halberstadt nach Pabstorf unterwegs war, um Mehlschulden zu bezahlen. Unterwegs traf es im Huy einen alten Mann. Er war sehr freundlich und sie unterhielten sich. Susanne, so hieß das Mädchen, erzählte dem Alten von ihrem Auftrag. Plötzlich veränderte sich der Mann. Er nahm seine falschen Haare und den langen falschen Bart ab und verwandelte sich in einen jungen, kräftigen Mann. Er wurde unfreundlich und gewalttätig. Es war der Räuber Daneil.

Daneil raubte ihr die 200 Taler, ließ ihr aber das Leben. Susanne erschrak sehr und wollte weglaufen. Aber der Räuber zog das weinende Mädchen in eine große Höhle. Dort waren noch andere Räuber. Sie fesselten die arme Susanne an Händen und Füßen. Dann warfen sie Susanne in eine Ecke der Höhle und überlegten, was sie mit dem gefangenen Mädchen machen sollten. Einige wollten Susanne töten. Aber der Räuber Daneil hatte eine andere Idee. Er ging zu dem ängstlichen Mädchen und sagte: „Ich werde dich zum Weibe nehmen, und wenn du alles tun wirst, was ich dir befehle, dann darfst du am Leben bleiben. Aber du darfst keinem Menschen etwas von uns Räubern verraten. Sonst musst du sterben!“ Aus Angst versprach das Mädchen alles und schwor einen heiligen Eid, nichts zu verraten. Nun musste Susanne für Daneil arbeiten. Sie musste kochen, waschen und die Höhle sauberhalten aber ihm auch sonst zu Willen sein. Die Kinder, die sie ihm während der schweren Jahre gebar, tötete er sofort, damit sie mit ihrem Geschrei das Versteck nicht verrieten. Erst nach langer Zeit erlaubte der Räuber Daneil, dass Susanne auch im Wald in der Nähe der Höhle spazieren gehen durfte. Dabei hörte das Mädchen manchmal Klingeln wie von vielen kleinen Glöckchen. Aber Susanne wusste nicht, was diese Geräusche bedeuteten.

Eines Tages beobachtete sie im Wald einige fremde Reiter. Plötzlich hörte sie wieder die Glöckchen klingeln. Überall in der Nähe der Höhle waren Drähte gespannt mit Glöckchen dran. Diese klingelten, wenn Wanderer oder Reiter die Drähte berührten. Das war das Signal für die Räuber. Susanne sah, wie die Räuber sofort aus der Höhle stürzten. Sie überfielen die erschrockenen Reiter, ermordeten sie, raubten sie aus und verscharrten die Toten im Wald.

Furchtbar entsetzt rannte das Mädchen durch den Huy bis nach Halberstadt. Aber sie wagte nicht, mit einem Menschen über die Erlebnisse mit den Räubern zu sprechen. Völlig verzweifelt kniete sie vor dem Roland aus Stein nieder und erzählte diesem steinernen Mann alles. Sie beschrieb auch den Weg durch den Huy bis zur Höhle.

Aber ein Ratsherr aus dem Rathaus hatte das Mädchen heimlich beobachtet und alles gehört. Er meldete dem Rat der Stadt davon, dieser ließ einen Priester kommen, der Susanne von ihrem Eid erlöste. Auf ihren Bericht hin wurden alle Bürger der Stadt und der umliegenden Dörfer aufgerufen, Mehl und Wasser in den Wald zu tragen. Am nächsten Tag zog eine Schar Soldaten zur Höhle. Aber der Räuber Daneil hatte die Höhleneingänge fest verrammelt und die Soldaten konnten nicht in die Höhle. Daneil verspottete die Soldaten, weil er sich sicher fühlte. Nun wurde eine große Menge Mehlbrei gekocht und von oben durch eine kleine Öffnung in die Höhle geschüttet. Da veränderte sich das Spottgelächter in lautes Schmerz- und Wutgebrüll. Nach einiger Zeit war es still. Endlich konnte man die Höhle öffnen und fand den toten Räuber. Er war im Mehlbrei erstickt. Dann suchte man auch die anderen Räuber und richtete sie in Halberstadt hin.

Aufgezeichnet von Johann Carl Christoph Nachtigal und veröffentlicht unter dem Pseudonym Otmar in der Sammlung „Volcks-Sagen“ (Bremen, 1800).