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In Fortsetzung der „Alten Döhrener Straße“ führt die Orli-Wald-Allee von der Eimündung der Straße „An der Engesohde“ in Richtung Süden bis zur Hildesheimer Straße. Benannt ist sie seit dem Jahr 2007 nach der Widerstandskämpferin Orli Wald. Davor war sie seit 1845 Teil der „Alten Döhrener Straße“. An der Orli-Wald-Allee liegt der Stadtfriedhof Engesohde.

Orli Wald Foto: Privatarchive Torgau und Wald

Orli Wald

Orli wird als Aurelia Torgau am 1. Juli 1914 als jüngstes von sechs Kindern des Mechanikers und Lokomotivführers August Torgau in Bourell in Frankreich geboren. Der Vater Ist seiner großen Erfahrungen wegen schon häufiger ins benachbarte Ausland entsandt worden, aber dieser Auslandsaufenthalt steht unter schlechten Vorzeichen. Das politische Klima ist in diesem Sommer frostig geworden. Rund einen Monat nach Aurelias Geburt - ausgelöst durch das Attentat von Sarajevo - erklärt das Kaiserreich am 3. August 1914 dem Nachbarn Frankreich den Krieg. Familie Torgau wird zu „feindlichen Ausländern“ und das, obwohl Orlis Mutter Maria Französin ist. Allerdings besitzt sie einen reichsdeutschen Pass. Die achtköpfige Familie wird in ein Internierungslager im Inneren Frankreichs verbracht. I

m Sommer 1916 wird Maria Torgau mit ihren sechs Kindern außer Landes gebracht und landet schließlich im September in Trier. Der Vater bleibt, da noch kreigsdiensttauglich, in der Internierung zurück. Diese Zeit prägt ihn und in der Folge die ganze Familie. Die Internierung hat August Torgau zum Sozialisten werden lassen. Erst im Frühjahr 1919 kann er nach Trier zu seiner Familie ausreisen und findet als Eisenbahner alsbald Arbeit. August Torgau engagiert sich als „roter“ Betriebsrat und gehört zu den Gründern der KPD in Trier. Das prägt Orli und die meisten ihrer Geschwister, die Mitglieder im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) werden

Aurelia Torgau absolviert nach ihrem Volksschulabschluss eine Lehre als Verkäuferin bei der Konsumgenossenschaft. Arbeit findet sie nach Abschluss der Lehre nicht; sie engagiert sich - auch grenzüberschreitend - in der KPD und setzt ihre „Parteiarbeit“ in der Illegalität fort. Ihre Brüder Willi und Fritz werden schon kurz nach der Machtübertragung von den Nazis verhaftet und in Zuchthäuser und Konzentrationslager verbracht. Das schreckt Aurelia nicht ab, weiterhin illegal für die KPD zu arbeiten. Im April 1934 wird Orli zum ersten Mal von der Gestapo verhaftet, aber mangels Beweisen nach vier Tagen wieder freigelassen.

Am 6. August 1935 heiratet Orli den ehemaligen Genossen Fritz Reichert und geht, um etwas unabhängiger von der eigenen Familie zu sein, eine verhängnisvolle Beziehung ein. Noch im selben Jahr wird Fritz Reichert Mitglied der SA und betrachtet die illegalen Aktivitäten seiner Frau mit Argwohn. Orli verlässt ihn nach heftigen Auseinandersetzungen im März 1936, nachdem er gedroht hatte, sie und ihre Widerstandsgruppe zu denunzieren. Ob er es getan hat, ist nicht überliefert, aber wahrscheinlich. Als die kommunistische Jugendgruppe Ende März 1936 in Trier zerschlagen wird, befindet sich Orli in „Sicherheit“ in Luxemburg. Sie kehrt aber nach Trier zurück, weil die Gestapo mit der Verhaftung ihrer Eltern droht. Was ihr droht, vermag sie sich nicht vorzustellen.

Am 23. Juni 1936 beginnt Orlis neunjährige Leidenszeit. Sie wird nach wochenlanger Gestapohaft ins Gerichtsgefängnis in Trier eingeliefert. Am 21 Dezember wird Orli vom Oberlandesgericht in Hamm wegen Hochverrats zu einer Zuchthausstrafe von vier Jahren und sechs Monaten verurteilt und zur „Verbüßung“ der Strafe ins Zuchthaus Ziegenhain bei Kassel eingeliefert. 1939 lässt sich Fritz Reichert von Orli scheiden; sie bleibt mit dem ungeliebten Nachnamen behaftet und wird nach Absitzen der Zuchthausstrafe als Aurelia Reichert zur „Schutzhaft“ ins Konzentrationslager Ravensbrück eingeliefert.

Mit dem ersten Frauentransport kommt Orli am 26. März nach Auschwitz, erhält die Häftlingsnummer 502 und verbringt die Zeit bis zur Auflösung des KZ im Lager Birkenau, wo sie im „Krankenhaus“ arbeitet, ab 1943 als „Lagerälteste“. Gemeinsam mit einer jüdischen Lagerärztin gelingt es Orli, vielen Mitgefangenen zu helfen, etwa indem sie sie wegen vermeintlichen Fleckfiebers in die Krankenstation holt, um ihnen eine kurze Ruhepause zu ermöglichen. Auch die Ärztin überlebt Auschwitz dank Orlis Hilfe.

Am 18. Januar 1945 werden über 9000 Frauen von Birkenau auf einen Evakuierungsmarsch geschickt und erreichen Ende Januar das KZ Ravensbrück. Das ist überfüllt und Orli, die einer Tuberkuloseerkrankung wegen stark geschwächt ist, wird mit vielen anderen Frauen in das Nebenlager Malchow gebracht. Das ist ihr „Glück“, denn im Februar und März werden tausende „nicht-arbeitsfähige“ Frauen aus dem KZ Ravensbrück im nahegelegenen Jugend-KZ Uckermark ermordet. Ende April 1945 gelingt Orli die Flucht aus Malchow, wird mit anderen Frauen von Sowjetsoldaten aufgegriffen und für einige Wochen nach Goldberg gebracht. Dort wird sie von ihren „Rettern“ vergewaltigt.

Im Mai 1945 gelangt Orli ins zerstörte Berlin und bekommt vom Anti-Fa-Büro ein Zimmer in Pankow zugewiesen. In Berlin beginnt sie zu schreiben und erregt mit einem Artikel über Luise Kautsky in der Berliner Zeitung die Aufmerksamkeit des Chefredakteurs Rudolf Herrnstadt, der sie gerne als Redakteurin gewinnen will. Dazu kommt es nicht, weil Orils Tuberkuloseerkrankung einen Sanatoriumsaufenthalt in Sülzhayn am Südharz nötig macht. Dort lernt sie den aus Hannover stammenden Journalisten Edu Wald kennen, der als Kommunist viele Jahre in Konzentrationslagern und Zuchthäusern verbracht hat. Sie heiraten im November 1947 und ziehen im Frühjahr 1948 nach Hannover. Dort vollziehen beide ihren Abschied vom doktrinären Kommunismus und wenden sich der SPD zu.

Orli Wald, wie sie nun heißt, kann sich wegen ihrer zerrütteten Gesundheit nur selten politisch engagieren. Gelegentlich schreibt sie Artikel für sozialdemokratische Zeitungen oder bringt aus der Erinnerung an die Lagerjahre Gedichte zu Papier. Das allerdings hilft ihr nicht; sie kann sich den erlebten Horror nicht von der Seele reden, denn „nachts standen die Toten von Auschwitz wieder auf“, wie Edu Wald sich erinnert. Die langen Jahre in den Lagern hat Orli Wald überlebt; zermürbt vom Kampf um „Wiedergutmachung“ und Rente verliert sie den Kampf um das Leben nach dem Überleben. Orli Wald stirbt mit nur 48 Jahren am 1. Januar 1962 einer Nervenklinik in Ilten bei Hannover.

Orli Wald wohnte ab Anfang der 1950er Jahre im Grasweg in Hannovers Südstadt. Ihr mittlerweile städtisches Ehrengrab befindet sich auf dem Stadtfriedhof Engesohde, der seit 2007 an der Orli-Wald-Allee liegt.


Foto Orli Wald: Privatarchive Torgau und Wald


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