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Von der Hildesheimer Straße aus führt die Raimundstraße in westlicher Richtung bis zur Alten Döhrener Straße. Benannt ist sie seit 1952 nach dem österreichischen Schauspieler und Dramatiker Ferdinand Raimund. Vor 1952 war dieses Straßenstück Teil der Böhmerstraße.

Ferdinand Raimund: Lithographie von Joseph Kriehuber 1835 Foto: Ferdinand Raimund: Lithographie von Joseph Kriehuber 1835

Ferdinand Raimund

Als er am 1. Juni 1790 im Hause Mariahilf 10 in Wien geboren wird, ist er das 12. oder 13. Kind seiner streng religiösen Eltern und bereits der dritte Ferdinand, denn zwei Brüder gleichen Vornamens sind früh gestorben. Er wird auf den Namen Ferdinand Jakob Raimann getauft. Der Vater Jakob Raimann, ein Kunstdrechsler, hatte Katharina Merz, die Tochter seines Meister geheiratet und dessen Betrieb übernommen.

Beide Eltern sterben früh und so wird Ferdinand von seiner fast doppelt so alten Schwester Anna großgezogen. Nach dem Tode des Vaters muss er 1804 die Schule verlassen und eine Lehre als Zuckerbäcker anfangen. Für den Zuckerbäcker Jung bietet er in den Spielpausen Süßwaren im Nationaltheater an. So kommt Ferdinand Raimund mit der Bühnenwelt in Berührung und ahmt die von ihm bewunderten Mimen „mit fanatischer Beharrlichkeit“ nach, wie ein zeitgenössischer Biograph berichtet. Raimunds erste schauspielerische Versuche scheitern wegen eines leichten Sprachfehlers.

Von 1809 bis 1814 zieht er mit verschiedenen Schauspieltruppen durch die Lande, bis er schließlich in Wien im Theater in der Josefstadt engagiert wird und bald Erfolge feiert. Ein Kritiker urteilt seinerzeit: „Er tut einem leid und man muss doch zugleich über ihn lachen.“ Ab 1817 beginnt Raimund, der nun auch als Regisseur arbeitet, erste Stücke zu schreiben, mit denen er beim Publikum ankommt.

1820, Raimund ist inzwischen am Theater in der Leopoldstadt engagiert, drängt ihn das Publikum, seine Kollegin Luise, die Tochter des Dramatikers Josef Alois Gleich zu ehelichen. Das will Raimund nicht, weil er in Antonie Wagner, die Tochter eines Kaffeehaus-Besitzers verliebt ist. Dennoch wird die Hochzeit mit Luise angesetzt und Ferdinand Raimund erscheint nicht. Dafür muss er sich beim Publikum öffentlich entschuldigen und am 8. April Luis widerwillig heiraten. Das geht nicht gut, denn beide Ehepartner pflegen ihre außerehelichen Beziehungen. Raimund misshandelt Luise „auf eine wahrhaft unmenschliche Art“, wie es in einem Polizeibericht vermerkt wird. Die Ehe wird geschieden und Raimund willigt in eine Unterhaltszahlung von sechs Gulden ein, die Luise bis zu ihrem Lebensende 1855 erhält.

Nach der Scheidung finden Antonie Wagner und Ferdinand Raimund doch noch zueinander und schließen einen „ewigen Bund der Liebe und Treue“. Auch diese Beziehung ist von Widernissen geprägt, denn Raimund ist ein von Ehrgeiz geprägter Hypochonder, der von Depressionen geplagt wird. So hat er viele Jahre lang panische Angst vor der Tollwut. Ein Freund notiert in sein Tagebuch über Raimund. „Der wird noch toll oder bringt sich um“. Raimund tut beides. Als er am 25. August 1836 auf seinem Gut Pernitz von seinem Hund gebissen wird, reist er panisch vor Angst mit seiner Antonie zum Arzt nach Wien, kommt aber nur bis Pottenstein, wo er sich im Wirtshaus „Zum goldenen Hirschen“ am 30. August in den Mund schießt. Am 5. September stirbt er an den Folgen seiner Verletzungen.

Selbst seine Beerdigung gerät zur Tragikomödie. Ferdinand Raimund wird ohne Schädeldecke auf dem Bergfriedhof in Gutenstein begraben. Über einen Wundarzt gelangt das Körperstück ins historische Museum der Stadt Wien. Erst 1969 wird Ferdinand Raimund in seinem Grabe wieder mit seiner Schädeldecke vereint. So hätte es auch in einem seiner Stücke stehen können, die sich durch eine Mischung aus drastischem Humor, Verschmitzheit und teils heftiger erzieherischer Absicht auszeichnen. Gerade diese Mischung, die Vieles bringt, bringt und damit Vielen etwas machte ihren Erfolg aus. Ferdinand Raimund selbst hat seine Bühnenwerke als „Zauberspiele“ und „Zauberpossen“ bezeichnet. Die Titel muten heute verquast an : „Der Barometermann auf der Zauberinsel“ (1823), „Das Mädchen aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär“ (1826) oder „Die unheilbringende Zauberkrone oder König ohne Reich“ (1829). Der wohl bekannteste Text aus Raimunds Feder ist „Das Hobellied“ aus dem „Original-Zaubermärchen in drei Aufzügen“ mit dem Titel „Der Verschwender“, zu dem Conradin Kreutzer die Melodie komponierte. Viele berühmte Interpret*innen hatten das Hobellied in ihrem Repertoire wie Michael Heltau oder Marlene Dietrich. Die bekannteste Version stammt von dem Wiener Grantler Hans Moser.

Hobellied:

Da streiten sich die Leut' herum

oft um den Wert des Glücks;

der Eine heißt den Andern dumm,

am End' weiß keiner nix.

Da ist der allerärmste Mann

dem Andern viel zu reich,

das Schicksal setzt den Hobel an

und hobelt alle gleich.

Die Jugend will halt stets mit G'walt

in allem glücklich sein;

doch wird man nur ein bisserl alt,

dann find't man sich schon drein.

Oft zankt mein Weib mit mir, oh Graus,

das bringt mich nicht in Wut.

Da klopf' ich meinen Hobel aus

und denk': Du brummst mir gut!

Zeigt sich der Tod einst mit Verlaub

und zupft mich: „Brüderl, kumm!“,

da stell' ich mich am Anfang taub

und schau mich gar nicht um.

Doch sagt er: „Lieber Valentin,

mach' keine Umständ', geh!“,

dann leg' ich meinen Hobel hin

und sag' der Welt ade.

Repetition:

Ein Tischler, wenn sein War' gefällt,

hat manche frohe Stund',

das Glück ist doch nicht in der Welt

mit Reichtum bloß im Bund.

Seh' ich soviel zufried'nen Sinn,

da flieht mich alles Weh.

Da leg ich nicht den Hobel hin,

sag nicht der Kunst Adje![5]


Abbildung
Ferdinand Raimund: Lithographie von Joseph Kriehuber 1835