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Im südöstlichen Zipfel der Südstadt führt parallel zur Bismarckstraße der Ricarda-Huch-Weg von der Mainzerstraße in westlicher Richtung bis zur Pfalzstraße. Benannt ist der Weg, der im Zuge der Nachkriegs-Neubebauung entstand, seit 1954 nach der Dichterin Ricarda Huch.

Ricarda Huch

Schwarz-weißes Foto von Ricarda Huch von 1930 Foto: Ricarda Huch 1930 | Wanda von Debschitz-Kunowski

Als drittes und letztes Kind der wohlhabenden Kaufleute Richard und Emilie Huch wird Ricarda Octavia am 18. Juli 1864 in Braunschweig geboren. Ihre Kindheit ist sorglos und wohl auch glücklich, denn in ihren Erinnerungen schreibt Ricarda Huch: „Um Kinder herum ist Paradies und Märchen und darum war mir Braunschweig, wo ich geboren und aufgewachsen bin, eine Märchenstadt.“ 1880 sorgt Ricarda Huch für einen gesellschaftlichen Skandal im beschaulichen Braunschweig, weil sie sich in ihren Cousin Richard, den Mann ihrer älteren Schwester Lily, verliebt.

Das Dreiecksverhältnis dauert über Jahre an, bis die Familie Ricarda Huch in die Schweiz schickt, wo sie ihr Abitur macht, was in Deutschland in jenen Jahren für Mädchen noch nicht möglich ist. Da sie als Frau in Deutschland nicht studieren kann, bleibt Ricarda Huch in der Schweiz und belegt in Zürich Geschichte, Philologie und Philosophie. Im Jahr 1892 wird sie als eine der ersten deutschen Frauen promoviert mit einer Arbeit über „Die Neutralität der Eidgenossenschaft während des spanischen Erbfolgekrieges.“ Schon während ihres Studiums arbeitet Ricarda Huch als unbezahlte Bibliothekarin an der Stadtbibliothek in Zürich und beschäftigt sich hauptsächlich mit Schriften zur französischen Revolution.

Nachdem sie schon 1890 unter dem Pseudonym „Richard Hugo“ ein Lustspiel mit dem Titel „Der Bundesschwur“ veröffentlicht hat, wird das literarische Schaffen zum Lebensinhalt Ricarda Huchs. So verarbeitet sie ihre Liebe zu ihrem Schwager und Cousin Rudolf Huch 1893 in dem Roman „Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren“. 1897 zieht Ricarda Huch nach Wien, wo sie den sieben Jahre jüngeren Zahnarzt Ermanno Ceconi heiratet, mit dem sie von 1998 bis 1900 in dessen Heimatstadt Triest lebt. 1899 wird die gemeinsame Tochter Marietta geboren. Ricarda Huch wendet sich als promovierte Historikerin zunächst der italienischen Geschichte zu und schreibt „Geschichten über Garibaldi“, den italienischen Freiheitskämpfer.

Nach dem Aufenthalt in Triest zieht die Familie nach München, wo die eigene Geschichte Ricarda Huch einholt. 1905 verliebt sich ihr Ehemann Ermanno Ceconi in Ricardas Nichte Käte, die Tochter ihrer Schwester und ihres Cousins, was zum Ende beider Ehen führt. 1907 endlich heiratet Ricarda Huch ihre Jugendliebe Richard und zieht mit ihm nach Braunschweig. Glücklich wird sie nicht. Schon vier Jahre später lässt sie sich von Richard Huch scheiden. Ricarda Huch zieht nach München zurück und stürzt sich in ihre schriftstellerische Arbeit. So veröffentlicht sie 1923 eine Biographie des russischen Anarchisten Michail Bakunin, setzt sich religionsphilosophisch mit Martin Luther auseinander und schreibt einen dreibändigen Roman über den Dreißigjährigen Krieg.

1926 wird Ricarda Huch als erste Frau in die Preußische Dichter-Akademie aufgenommen, vielleicht auch dank der Fürsprache von Thomas Mann, der sie bereits 1924 die „erste Frau in Deutschland, wahrscheinlich heute die erste Europas“ genannt hatte. 1931 erhält sie den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main. Von 1927 bis 1932 lebt Ricarda Huch bei ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn Franz Böhm in Berlin. Diese familiäre Konstellation bleibt bis zu ihrem Tode stabil. Nach der Machtübertragung an die Nazis verweigert Ricarda Huch, die von ihr verlangte „Loyalitätserklärung“ gegenüber dem neuen Regime und tritt aus Protest gegen den Ausschluss Alfred Döblins aus der Preußischen Akademie der Künste aus dieser nunmehr gleichgeschalteten Gesellschaft aus.

Dass Ricarda Huch im nationalsozialistischen Deutschland weitgehend unbehelligt bleibt, liegt an der Wertschätzung, die sie in Italien genießt. Sie kann auch weiterhin publizieren. So erscheint 1934 der erste Band ihrer Deutschen Geschichte, der wegen der impliziten Kritik am Nazi-Regime verrissen wird. Der zweite Band erscheint 1937, der dritte wird erst zwei Jahre nach ihrem Tod in Zürich veröffentlicht. Ab 1936 lebt Ricarda Huch in Jena, wo ihr Schwiegersohn eine Professur innehat. Ricarda Huch pflegt Kontakte zu Oppositionellen und wird ebenso wie ihr Schwiegersohn von der Gestapo überwacht. Fritz Böhm verliert nach einer Denunziation seine Professur in Jena.

Aus Anlass ihres 80. Geburtstages wird Ricarda Huch von der Stadt Braunschweig mit dem Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet. Offiziell aber wird ihr Ehrentag totgeschwiegen, aber Adolf Hitler und Joseph Goebbels gratulieren in persönlichen Briefen. In den Monaten bis zur Zerschlagung Nazi-Deutschlands widmet sich Ricarda Huch ihrem letzten großen Projekt, den Lebensläufen der Widerstandskämpferinnen und -kämpfer. Sie sammelt Material über die „Weiße Rose“ und die von den Nazis so genannte Rote Kapelle. Das Buchprojekt kommt nicht mehr zustande, findet aber Niederschlag in Günter Weisenborns Buch „Der lautlose Aufstand“.

Nach der Zerschlagung Nazis-Deutschlands wird Ricarda Huch von vielen Seiten umworben. Die Universität Jena verleiht ihr 1946 die Ehrendoktorwürde, sie wird Mitglied und Alterspräsidentin der „Beratenden Landesversammlung“ Thüringens und eröffnet 1947 als Ehrenpräsidentin den Ersten Deutschen Schriftstellerkongress im sowjetischen Sektor von Berlin. Auch mit den neuen Machthabern mag sich Ricarda Huch nicht gemein machen. Nach Abschluss des Kongresses reist sie nach Frankfurt, weil ihr Schwiegersohn Franz Böhm zum Hessischen Kultusminister ernannt worden ist und will dort den Rest ihres Lebens verbringen. Dieser Reise ist Ricarda Huch gesundheitlich nicht mehr gewachsen. Sie stirbt am 17. November 1947 in einem Gästehaus der Stadt Frankfurt am Main in Schönberg am Taunus.


Ricarda Huch 1930, Foto: Wanda von Debschitz-Kunowski