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Er gilt zu Recht als „Zentrum der Südstadt“: der Stephansplatz. Die Gebäude an den beiden Längsseiten, die die Bombennächte des 2. Weltkrieges überstanden haben, zeugen von gediegener Bürgerlichkeit. Wer hier wohnte, hatte es „zu was gebracht“. Seit gut 100 Jahren ist der Stephansplatz der zentrale Handelsplatz der Südstadt, denn so lange schon wird hier Wochenmarkt gehalten. Dieser gilt heute als einer der besten in Deutschland. Benannt ist der Platz seit 1897 nach dem Generalpostdirektor des Deutschen Reiches, Heinrich von Stephan.

Heinrich von Stephan, Georg Barlösius, 1897 Foto: Heinrich von Stephan, Georg Barlösius, 1897

Heinrich von Stephan

Sein Lebenslauf gleicht einem „Tellerwäschermärchen“, denn dass der Sohn eines Scheiders einmal Domherr von Merseburg werden würde, ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unvorstellbar. Geboren wird Ernst Heinrich Wilhelm Stephan am 7. Januar 1831 im ostpommerschen Stolp, dem heutigen Slupsk, als achtes Kind einer Schneidermeister-Familie. Der Knabe ist wissbegierig und vielseitig begabt, lernt die Geige und das Klavier zu spielen und besteht im Alter von 17 Jahren die Reifeprüfung.

Heinrich Stephan beginnt am 20. Februar 1848 eine Lehre im Stolper Postamt und formuliert keck sein Berufsziel: „Ein schlechter Kerl, der nicht denkt, General-Postmeister zu werden.“ Bereits ein Jahr später wird Stephan im ostpreußischen Marienburg Beamtenanwärter und 1850 Postassistent in der Oberpostdirektion Danzig. Nach Ableistung eines einjährigen Militärdienstes setzt Heinrich Stephan , der mittlerweile auch für den höheren Postdienst qualifiziert ist, seine Laufbahn im Berliner Generalpostamt fort. Für kurze Zeit wird Heinrich Stephan nach Köln abgeordnet, wo er sich mit der Bearbeitung von Auslandspostrechnungen herumschlagen muss. Nebenbei schreibt er Theater- und Konzertkritiken.

1856 kehrt Stephan nach Berlin zurück und beschäftigt sich mit der Vereinheitlichung der Pakettarife im „Deutsch-Österreichischen Postverein“, die 1857 angenommen wird. Die Einführung der Poststenographie zur Beschleunigung von Sendungen kann er jedoch nicht durchsetzen. Sonderlich beanspruchend scheint die Arbeit im Generalpostamt nicht zu sein, denn Heinrich Stephan findet Zeit, um ein umfangreiches Buch über die Geschichte der Post in Europa zu schreiben, das 1859 mit dem irreführenden, leicht anbiedernden Titel „Die Geschichte der Preußischen Post von ihrem Ursprung bis auf die Gegenwart“ erscheint.

Stephans Hauptinteresse gilt jedoch der Vereinfachung und Vereinheitlichung des internationalen Postverkehrs. Zwischen 1862 und 1864 gelingt es Stephan, Postverträge mit den Niederlanden, Belgien, Spanien und Portugal abzuschließen. Mit einer Denkschrift von 1865 schlägt Heinrich Stephan die Einführung der Postkarte vor, die der preußische Generalpostmeister jedoch wegen der „unanständigen Form“ der Mitteilungen ablehnt. Allerdings beschließt die fünfte Konferenz des Deutschen Postvereins noch im November desselben Jahres die Einführung des kleinen postalischen Glücksbringers.

Als 1866 der „Deutsche Krieg“ eingeleitet wird, veröffentlicht Stephan eine weitere Denkschrift, in der er — den preußischen Kriegserfolg vorausgesetzt — die Aneignung der „Thurn- und Taxis’schen Post“ anregt. Dies geschieht mittels eines Abtretungsvertrages am 1. Juli 1867. Mit Beginn des Deutsch-Französischen Krieges wird Heinrich Stephan von Otto von Bismarck zum Generalpostdirektor des Norddeutschen Bundes ernannt. Diesen Posten übernimmt er 1871 auch im Deutschen Kaiserreich.

Heinrich Stephans wichtigster Erfolg ist 1874 in Zürich die Gründung des „Weltpostvereins“, dessen Hauptaufgabe die Schaffung einheitlicher, internationaler postalischer Standards ist. Bis 1891 amtiert Heinrich Stephan als Präsident dieses Weltpostvereins. 1875 schließlich sorgt Heinrich Stephan für den Zusammenschluss von Post und Telegrafenwesen. Er errichtet damit den ersten „Kommunikatonskonzern“ in öffentlicher Hand. Am 26. Oktober 1877 lässt Heinrich Stephan in Berlin die erste Telefonleitung zwischen dem Generalpostamt und dem Generaltelegrafenamt einrichten. Stephan ist von der Devise beseelt, „jedem Bürger womöglich eine Telephon zu jedem anderen zur Disposition zu stellen“. Dieser Absicht lässt er Taten folgen, denn bis 1881 wird das Telefonnetz in ganz Deutschland ausgebaut.

1885 erhebt Wilhelm I. Heinrich Stephan in den Adelsstand. 1890 ernennt ihn Wilhelm II. wegen seiner Verdienste zum Domherrn von Merseburg 1895 schließlich erreicht er den Höhepunkt seiner Karriere: Heinrich von Stephan wird Staatsminister. Am 8. April 1897 stirbt er dort, wo er sein Leben verbracht hat: im Postamt, genauer: im Reichspostamt in Berlin, an den Folgen einer schweren Diabeteserkrankung.

Heinrich von Stephan hat sich bleibende Verdienste erworben, nicht nur wegen der Einführung der Telefonie oder der Postkarte, sondern auch wegen der bis heute gültigen Eindeutschung ehemals französischsprachiger Postbegriffe. Insgesamt 671 postalische Begriffe übertrug Stephan ins Deutsche, darunter Briefumschlag für „couvert", Einschreiben für „recommandé“ oder Nachnahme für „remboursement“. Dafür ernannte ihn der „Allgemeine Deutsche Sprachverein“ 1887 zum Ehrenmitglied.



Abb. Heinrich von Stephan, Georg Barlösius, 1897