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Ausgehend von der Straße „Am Südbahnhof“ führt die Stolzestraße in westlicher Richtung bis zur „Großen Barlinge“. Dabei kreuzt sie die „Lutherstraße“, die „Kleine Düwelstraße“ und die „Sallstraße“. Benannt ist sie seit 1898 nach dem Kurzschriftpionier Wilhelm Stolze.

Heinrich August Wilhelm Stolze Foto: Wilhelm Stolze: Abbildung von 1867. Künstler nicht bekannt.

Wilhelm Stolze

Als Sohn eines Schuhmachermeisters wächst Heinrich August Wilhelm Stolze in Berlin auf. Geboren wird am 20. Mai 1798. Trotz der ärmlichen Familienverhältnisse kann er ein Gymnasium besuchen, muss aber die Schule nach dem Tod des Vaters kurz vor dem Abitur verlassen. Sein Wunsch, Pfarrer zu werden, bleibt somit unerfüllt. Um seinen und den Lebensunterhalt der Mutter zu sichern, wird Wilhelm Stolze 1817 Angestellter der Berliner Feuerversicherungsgesellschaft.

Bereits 1819 beschäftigt sich Wilhelm Stolze mit Vorarbeiten für eine deutsche Kurzschrift. Nebenbei besucht er Seminare an der Universität. Er nähert sich der Kurzschrift mit wissenschaftlicher Akribie und setzt sich mit Kurzschriftsystemen aus dem Altertum und dem Mittelalter auseinander. Parallel zu Wilhelm Stolze beschäftigt sich in München der Kanzleisekretär Franz Xaver Gabelsberger mit der Entwicklung einer kursiven, schreibfähigen Kurzschrift. 1834 erscheint Gabelsbergers „Anleitung zur deutschen Redezeichenkunst“, die auch in Stolzes Überlegungen einfließen.

1835 scheidet Wilhelm Stolze aus dem Dienstverhältnis zur Berliner Feuerversicherungsgesellschaft aus und arbeitet als selbständiger Geschäftsmann weiter an „seiner“ Kurzschrift. Den Lebensunterhalt verdient er als Hauslehrer für Altgriechisch, Latein, Englisch und Französisch. 1841 ist Wilhelm Stolze am Ziel seiner Wünsche. Mit Hilfe eines Zuschusses aus dem preußischen Unterrichtsministerium kann er 1841 sein „Theoretisch-practisches Lehrbuch der deutschen Stenographie für höhere Schulen und zum Selbstunterricht“ veröffentlichen.

Das Werk erweist sich jedoch als zu schwierig für eine größere Verbreitung der kurzschriftlichen Ideen, und so entschließt sich Stolze, 1845 ein kürzeres Lehrbuch mit dem Titel „Anleitung zur deutschen Stenographie“ herauszugeben. 1848 setzt sich Stolzes Kurzschrift im preußischen Parlament durch. Zwei Jahre später wird Wilhelm Stolze Leiter des Stenographischen Bureaus beim Preußischen Landtag. Der Preußische Landtag nutzt Stolzes Kurzschrift, die 1897 mit dem System des Ferdinand Schrey zur „Stolze-Schrey-Schrift“ zusammengeführt wird bis 1924. Dann wird dieses Kurzschrift-System mit dem vor allem in Süddeutschland verbreiteten Gabelsberger’schen System zur „Deutschen Einheitskurzschrift“ zusammengeführt.

Die „Deutsche Einheitskurzschrigt“ gilt nach mehreren Modifikationen bis heute im deutschsprachigen Raum mit Ausnahme der Schweiz, wo nach wie vor die „Stolze-Schrey-Schrift“ genutzt wird. Auch wenn die Kurzschrift an Bedeutung verloren hat, sind Berufsstenografen immer noch gefragt. So sind in jeder Sitzung des Deutschen Bundestages 16 Stenografen tätig, die die Debattenbeiträge, aber auch Beifalls- oder Unmutsbekundungen protokollieren. Wilhelm Stolze, dessen Sohn Franz das väterliche Kurzschriftsystem weiterentwickelt, stirbt am 8. Januar 1867 in Berlin.


Wilhelm Stolze: Abbildung von 1867. Künstler nicht bekannt.