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Von der Bandelstraße führt in westlicher Richtung ein Fußweg durch den so genannten „Constructa-Block“ bis zur Hildesheimer Straße. Benannt ist er nach dem ersten bundesdeutschen Wohnungsbauminister Eberhard Wildermuth. Der Weg hieß von 1885 - 1952 Emilienstraße. In der Bombennacht vom 8. auf dem 9. Oktober 1943 wurde das Wohn- und Gewerbegebiet rund um die Emilienstraße nahezu vollständig zerstört.

Eberhard Wildermuth (rechts außen) im Gefangenenlager Trent Park, November 1944 Foto: Eberhard Wildermuth (rechts außen) im Gefangenenlager Trent Park, November 1944 Quelle: Bundesarchiv

Als er am 9. März 1952 stirbt, ist bei „Freund und Feind“ gleichermaßen hoch angesehen. So schreibt der „Sozialdemokratische Pressedienst“ über den Ur-Liberalen, hier sei „ein Mann aus dem politischen Leben geschieden, dessen menschliche Anständigkeit, dessen sachliches Bemühen und dessen demokratische Zuverlässigkeit auch von der Opposition immer geschätzt worden seien.“

Geboren wird Hermann-Eberhard Wildermuth, ein Enkeln der schwäbischen Schriftstellerin Ottilie Wildermuth, am 23. Oktober 1890 in Stuttgart. Nach dem Abitur am Eberhard-Ludwig-Gymnasium in Stuttgart tritt er 1908 einen einjährigen Freiwilligendienst im 1. Württembergischen Grenadierregiment“ an, das er als Vize-Feldwebel verlässt, um in Tübingen Rechtswissenschaften zu studieren.

Zu Beginn des 1. Weltkrieges meldet sich Eberhard Wildermuth als frischgebackener Referendar zum Kriegsdienst. Im Laufe des Krieges wird er mehrmals schwer verwundet, kehrt aber immer wieder an unterschiedliche Frontabschnitte zurück. Nach dem Krieg wird Eberhard Wildermuth Mitglied eines Soldatenrates und schließt sich der linksliberalen „Deutschen Demokratischen Partei“ (DDP) an.

Nach dem Bestehen der Großen juristischen Staatsprüfung tritt Wildermuth seinen Dienst bei der Stadt Stuttgart an, wechselt aber nach kurzer Zeit zur „Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung“ nach Berlin, wo er in der Erwerbslosenfürsorge tätig ist. 1928 wird Eberhard Wildermuth zum Direktor der „Deutschen Bau- und Bodenbank“ berufen. Dort bleibt er bis zum deutschen Überfall auf Polen im Amt.

Dann wird Wildermuth als Major der Reserve zum Heer eingezogen und dient an vielen Fronten, zuletzt als Oberst der Reserve bei der Verteidigung der Festung Le Havre. Nach seiner Gefangennahme am 12. September 1944 wird Wildermuth bis 1946 im Offizierslager Trent Park in England interniert. Der englische Geheimdienst schätzt ihn als überzeugten Demokraten und Hitler-Gegner ein. Wildermuth darf in die französische Zone ausreisen, wo er alte Kontakte zu liberalen Weggefährten knüpft. Er wird Mitglied der FDP/DVP und macht schnell Karriere.

Ende 1946 ernennt ihn die provisorische Staatsregierung von Württemberg-Hohenzollern zum Staatssekretär für Wirtschaft. Zwei Jahre lang, bis zum 20. September 1949, übt Eberhard Wildermuth das Amt des Staatsministers für Wirtschaft aus. Dann wird er — von vielen Seiten, ob seiner Kompetenzen geschätzt — von Konrad Adenauer als Minister für Wiederaufbau berufen und vor dem ersten Deutschen Bundestag, dessen Mitglied er geworden ist, vereidigt. In Wildermuths nur kurze Amtszeit fällt das „Erste Wohnungsbaugesetz“, das 1950 in Kraft tritt. Bereits in diesem Jahr werden 370.000 Wohneinheiten fertiggestellt.

Eberhard Wildermuth, der in beiden Weltkriegen schwer verwundet worden war, setzt sich als Wohnungsbauminister besonders für den Bau behindertengerechter Wohnungen ein und gewinnt die Bundesländer als Ko-Finanzierer. Wildermuth stirbt als erster Bundesminister im Amt. Unmittelbar nach seinem Tod wird der Weg durch den Constructa-Block, für dessen Bau er sich stark gemacht hatte, nach Eberhard Wildermuth benannt.

Constructa-Block

Parallel zur 1. Bundesgartenschau in den Stadthallengärten findet vom 3. Juli bis zum 12. August in Hannover die erste Bauausstellung der Bundesrepublik Deutschland statt. Als Vorzeigeprojekt wird unter der Leitung von Stadtbaurat Rudolf Hillebrecht die Gestaltung der vom Kriegsschutt freigeräumten Fläche rund um die Emilienstraße überplant und bebaut. Es entsteht ein weitläufiges Carrée mit einem Laubengang-Hochhaus nahe der Hildesheimer Straße, vier Mehrfamilien-Häuserblöcken an der Krausenstraße, einer Ladenzeile an der Hildesheimer Straße sowie zwei Reihenhaus-Zeilen und einem Garagenhof an der Bandelstraße. Der Bereich um die Emilienstraße, den nachmaligen Wildermuthweg wird mit großen Grünflächen und Bäumen parkähnlich und autofrei angelegt und das unter der Regie eines Stadtbaurates, der mit seinem Konzept der „autogerechten Stadt“ in die architektonischen Geschichtsbücher eingegangen ist. Die ursprüngliche Planung, dieses Bauvorhaben vom Stephansplatz bis zum Maschsee auszudehnen, lässt sich nicht verwirklichen. Kritiker, wie der nicht nur in Hannover angesehene, streitbare Friedrich Lindau, bemängeln die fehlende Urbanität des Constructa-Blocks, andere sprechen von „Kasernenstil“. Beide Charakterisierungen waren damals und sind heute nicht haltbar.


Eberhard Wildermuth (rechts außen) im Gefangenenlager Trent Park, November 1944 Quelle: Bundesarchiv


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