Er war schon eine Legende, bevor er 2003 die Leselernhelfer*innen „Mentor“ ins Leben rief: der Buchhändler Otto Stender. 1959 eröffnete er mit seiner Frau Johanna eine kleine Buchhandlung an der Berliner Allee, die schnell zum Anlaufpunkt für literaturlustige Menschen wurde. Mit Otto Stender hatte die Kundschaft einen kompetenten Ratgeber, der die Bücher, die er empfahl, auch selbst gelesen hatte.

Das beeindruckte ebenso, wie die Tatsache, dass sein Literatur-Regal eine größere Auswahl bot, als die auf Bestseller gepolten Großen. Einen Kaffee gab’s obendrauf, und der passionierte Pfeifenraucher Otto Stender ließ selbst Zigarrenraucher gewähren, um ein literarisch-politisches Schwätzchen zu halten.

Geradezu spitzbübische Freude ergriff Otto Stender, wenn er Kundinnen und Kunden mit Ausgrabungen von deren ureigenen Literaturfeldern überraschen konnte. Das war nur möglich, weil er ein intensives Bemühen um seine Kundschaft pflegte. Otto Stenders Ratschläge waren profund, und die Kundschaft wusste auch seine Angebote zu schätzen, die nicht im eigenen Interessengebiet lagen. So haben viele Menschen literarische Entdeckungen machen können, auf die sie ohne den Mann mit dem prägnanten Schnauzbart nicht gekommen wären. Im Grunde seines Herzens war Otto Stender ein ‚Feuilleton auf zwei Beinen‘ und häufig genug den Tageszeitungen eine Nasenlänge voraus.

Als er mit seiner Frau Johanna 1987 die renommierte Georgsbuchhandlung übernahm, brachte Otto Stender Leben in den hannöverschen Literaturbetrieb, indem er als erster in Hannover Autor*innen, aber auch bildende Künstler*innen sowie Politiker*innen auf sein legendäres ‚rotes Sofa‘ bat. Ein Höhepunkt war dabei sicherlich die Sofa-Session mit dem späteren Nobelpreisträger Günter Grass.

Nach einem Intermezzo in der Karmarschstraße, in der er die Tradition der Georgsbuchhandlung fortzusetzen versuchte, zog es Otto und Johanna Stender in die Südstadt. Gegenüber der Henriettenstiftung war es dann wieder überschaubar gemütlich. Selbst das rote Sofa fand trotz der eingeschränkten Räumlichkeit seinen Platz gegenüber der Eingangstür und bot Gästen wie Bundeskanzler Gerhard Schröder Gelegenheit zum Plausch.

Dass Menschen nicht lesen mochten oder — schlimmer noch — nicht lesen konnten, quittierte Otto Stender zunächst mit Unverständnis und dann 2003 mit der Erkenntnis, dass da nachgeholfen werden müsse. So kam es zur Gründung von „Mentor“, dem Verein der Leselernhelfer*innen, in dem große Menschen kleinen Menschen den Weg durch das Leselabyrinth bahnen. Diese Idee machte bundesweit Furore und sorgte allerorten für Mentorinnen und Mentoren. 2012 wurde der Ur-Mentor Otto Stender daher mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Als „Mentor“ am Vorlesetag 2013 den 10. Geburtstag feierte, präsentierten Kinder aus dem Leselernprogramm ihre Künste auf der großen Bühne des Opernhauses und stellten Figuren aus ihren Lieblingsbüchern dar. Otto Stender, der den Festtag als wortwitziger Moderator leitete, war mit den vielen Mentor*innen im Saal sichtlich gerührt. 2014 ehrte die Landeshauptstadt Hannover ihren „Mentor“ mit der Verleihung der Stadtplakette.

Otto Stender war bei aller Intellektualität ein geselliger Mensch. Das bewies er bei dem jährlichen ‚roten Grünkohl-Essen‘, bei dem er mit Schnurren und Anekdoten zur Unterhaltung und Erheiterung beitrug. Die Grünkohlgerüche waberten dabei verlockend durch die Gasträume des VfL Eintracht, aber niemand nahm es Otto Stender übel, dass er gelegentlich die Vortragszeit weit überzog. In diesem Jahr wird Otto Stender nicht mehr dabei sein. Er ist am 29. September im Alter von 84 Jahren gestorben. Der SPD-Ortsverein Südstadt-Bult verneigt sich vor einem großen, immer kritischen Mitglied, dem „Genossen Mentor“. Unser Mitgefühl gilt seiner Frau Johanna und seiner Familie.

36. Osterfeuer der SPD Südstadt-Bult